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Freitag, 15. Juli 2011

12 Angry Men – “Life Is In Their Hands, Death Is On Their Minds!”


Auf einem meiner täglichen Streifzüge durch die Tiefen des Webs war es wieder mal soweit. Endstation IMDB um dem schier unstillbaren Hunger nach Filmwissen neue Nahrung zu geben. Lange hatte ich die IMDB Top 250 nicht mehr durchgescrollt und so machte ich mich freudig ans Werk. Beim Betrachten der Liste folgten viele bewundernde Aaaahs und Oooohs, wohlwollendes Nicken und ein imaginärer Klopfer auf die eigene Schulter als ich bei einem Blick zum Wohnzimmerschrank realisierte, dass sich ein Grossteil der Top 50 darin befindet. Doch Moment… Was war das? Platz 6? 12 Angry Men? Die 12 Geschworenen? Zu meiner Schande musste ich mir selbst eingestehen: Noch nie gehört…

Dass dieser Schwarz-Weiss-Klassiker aus dem Jahr 1957 von Filmen wie Zwei glorreiche Halunken, Pulp Fiction, Schindler’s Liste, Einer flog über das Kuckucksnest, Inception und The Dark Knight eingerahmt wurde, entfachte meine Neugier nur noch mehr. Einen Film dieser Güteklasse will kein Filmfan verpassen. Ein Klick auf den Filmtitel offenbarte weitere interessante Aspekte. Regisseur: Die kürzlich im Alter von 86 Jahren verstorbene Regielegende Sidney Lumet. Schauspieler: Henry Fonda. Ein paar Augenblicke später war mein GMX-Postfach um eine Amazon-Bestellbestätigungs-Email reicher.

Die nackten Zahlen klingen dabei zunächst wenig vielversprechend, bestenfalls interessant. Nur 21 Drehtage, ein selbst zu dieser Zeit kümmerliches Budget von 350‘000 $ und von den 96 Minuten Laufzeit spielen 93 Minuten in einem kleinen Raum. Was Sidney Lumet jedoch daraus gemacht hat, ist eine unter die Haut gehende "Charakterstudie im Schnelldurchlauf". Ein Charakterstudie 12 unterschiedlicher Männer, welche mit teils beissender Gesellschaftskritik die Vorurteile und Gleichgültigkeit einer ganzen Nation entlarvte.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein junger Mann ist wegen Mordes angeklagt und eine aus 12 fremden Männern zusammengewürfelte Jury soll über Schuld oder Unschuld des Angeklagten entscheiden. Dazu werden sie in einen kleinen Raum des Gerichtsgebäudes gesperrt, welchen sie erst bei einem einstimmigen Urteil wieder verlassen können. Die 12 Geschworenen werden dargestellt von Martin Balsam (Geschworener Nr. 1), John Fiedler (Nr. 2), Lee J. Cobb (Nr. 3), E.G. Marshall (Nr. 4), Jack Klugman (Nr. 5), Edward Binns (Nr. 6), Jack Warden (Nr. 7), Henry Fonda (Nr. 8), Joseph Sweeney (Nr. 9), Ed Begley (Nr. 10), George Voskovec (Nr. 11) und Robert Webber (Nr. 12). Jeder von ihnen verdient hier eine namentliche Nennung, da jeder Einzelne die Handlung an verschiedenen Stellen des Filmes voran treibt. Natürlich nimmt Henry Fonda die Starrolle in diesem Ensemble ein, letztendlich ist es jedoch ein Film mit 12 annähernd gleichberechtigten Hauptdarstellern.

In einer ersten Abstimmung ergreift einzig Geschworener Nr. 8 – Henry Fonda – Partei für den Angeklagten. Nr. 8, symbolträchtig in einem weissen Anzug gekleidet, wird auch für den Rest des Filmes versuchen, seine unfreiwilligen Kollegen von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen. Bald bekommt er Unterstützung von Nr. 9 und da diese beiden Männer sich mutig einer wilden Meute entgegenstellen um dem Angeklagten beizustehen, wird ihnen (wenn auch erst am Ende des Filmes) die Ehre zu Teil, dass der Zuschauer ihre Namen erfährt. Mr. Davis und Mr. McCardle. Der Rest der Jury bleibt anonym, nur durch ihre Nummern voneinander zu unterscheiden. Doch wer wird triumphieren? Davis und McCardle oder die auf ein schnelles Todesurteil pochende Mehrheit der Geschworenen? Das Urteil der Jury ist zu Beginn kaum abzusehen, zumal Nr. 8 keine stichhaltigen Beweise für die Unschuld des Angeklagten vorbringen kann, sondern einzig und allein Zweifel an den dargelegten Beweisen für die Schuld des Angeklagten hegt.

Während der immer hitziger geführten Diskussion nimmt Lumet fast unmerklich eine Änderung der Kameraperspektive vor, welche dem Zuschauer unbewusst die Situation der 12 Geschworenen vor Augen führt. Zu Beginn wählt Lumet eine Kameraposition oberhalb der Augenhöhe in Kombination mit einem Normalobjektiv, wodurch der Raum deutlich grösser erscheint. Fast fliessend lässt Lumet die Kamera im Laufe des Filmes jedoch immer weiter nach unten gleiten. Schliesslich, zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt, in der die Anspannung im Raum regelrecht greifbar ist, wird bei einem Grossteil der Szenen eine Kameraposition unterhalb der Augenhöhe mit Teleobjektiven kombiniert. Dadurch wirkt der Raum enger, die Abstände zwischen den Personen wirken kleiner, das Gefühl von Klaustrophobie wird verstärkt. Den Geschworenen und auch dem Zuschauer fällt regelrecht die Decke auf den Kopf. Die sengende Hitze, welche für den Zuschauer aufgrund der Intensität der Bilder beinahe spürbar ist, macht den Männern zusätzlich zu schaffen. In diesem nervenaufreibenden Setting peitscht Lumet seine Protagonisten von einer Konfrontation zur nächsten, bis einige der Geschworenen ihre vordergründige Neutralität ablegen und die wahren Gründe für ihren unverhohlenen Hass offenbaren.

Weshalb 12 Angry Men seinen Platz in oben erwähnter, illustrer Liste von absoluten Topfilmen zweifelsfrei verdient hat, dürfte den meisten Filmliebhabern bereits beim ersten Sehen klar werden. Und am liebsten würde ich all die Uwe Bolls, Paul W. S. Andersons und auch Michael Bays in einen ebenso kleinen Raum sperren wie die 12 Geschworenen und ihnen Lumet's 12 Angry Men vorführen. Immer und immer wieder. Bis auch sie verstanden haben, dass es für einen guten Film so viel mehr, aber eben auch so viel weniger benötigt, als das, was sie uns regelmässig vorsetzen. Herausragende Schauspieler, eine dichte Atmosphäre, eine fesselnde Geschichte und Leute hinter der Kamera, die bei jedem Schnitt exakt zu wissen scheinen, weshalb sie ihn setzen. 12 Angry Men hat all dies. Nicht mehr und nicht weniger.

Freitag, 11. März 2011

nottuB nimajneB fo esaC suoiruC ehT

Eine alte Frau hält ein Baby in ihrem Arm. Das Kind liegt im Sterben. Es ist die Liebe ihres Lebens. Um diese Szene zu begreifen muss man die über zweieinhalb vorhergehenden Stunden gesehen haben, welche in diesem auf den ersten Blick abstrus anmutenden Bild gipfeln. Soviel Zeit nimmt sich David Fincher um uns den seltsamen Fall eines nicht ganz normalen Mannes namens Benjamin Button – gespielt von Brad Pitt - zu erzählen. Bei keinem anderen Film (ausser vielleicht Memento) erscheint es passender, ein Review mit dem Ende des Filmes zu beginnen, denn auch für Benjamin Button geschieht vieles in umgekehrter Reihenfolge. Geboren in dem Körper eines alten Mannes muss Benjamin Tag für Tag die Tücken des alltäglichen Lebens meistern, während sich sein Körper im Laufe seines langen Lebens immer weiter verjüngt. Zweifelsohne eine sehr seltsame Geschichte. Die Fragen, die sich jeder Zuschauer stellen und selbst beantworten sollte, lauten: "Ist das alles? Bietet mir der Film nur diese aussergewöhnliche Grundidee? Oder ist da mehr? Nutzt Fincher diese unkonventionelle Geschichte um uns etwas über unser Leben zu erzählen? Um unser Leben aus einer alternativen Perspektive zu beleuchten?"

Die Kritikerwelt war bezüglich der Antworten dieser Fragen gespalten. Derek Malcolm von der London's Evening Standard bemerkt dazu beispielsweise Folgendes: "Never at any point do you feel that there’s anything more to it than a very strange story traversed by a film-maker who knows what he is doing but not always why he is doing it." Eine Aussage, die viele meiner Bekannten, mit denen ich mich über den Film bereits unterhalten habe, unterschreiben würden. Weshalb ich jedoch in keinster Weise damit übereinstimmen kann, will ich im Folgenden erklären. Für mich enthält "Der seltsame Fall des Benjamin Button" eine Vielzahl von Motiven, die aus dem Film wesentlich mehr machen als nur eine originelle Geschichte. Für mich erzählt der Film von Schicksal, Liebe und Tod. Und er erzählt über das Leben, seine Schönheit und auch Vergänglichkeit und wie all diese Aspekte untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Geschichte von Benjamin wird uns dabei in Rückblenden erzählt. Eigentlich befinden wir uns in einem Krankenhauszimmer in New Orleans, zusammen mit einer alten, im Sterben liegenden Frau und ihrer Tochter. Draussen wütet der Hurrikan Katrina. Die Tochter soll ihrer Mutter aus einem alten Tagebuch vorlesen und wird im Laufe des Films dadurch von ihrem wahren Vater und der grossen Liebe ihrer Mutter Daisy erfahren. Die Wahl von New Orleans und des Hurrikans Katrina mag im ersten Moment zufällig erscheinen. Ebenso wie die Entscheidung, während des Filmes mehrmals einen Kolibri zu zeigen. Fakt ist jedoch, dass der Kolibri der einzige Vogel auf der Welt ist, der rückwärts fliegen kann. Fakt ist auch, dass sich Hurrikans in der südlichen Hemisphäre im Uhrzeigersinn, in der nördlichen Hemisphäre jedoch gegen den Uhrzeigersinn drehen. Diese sehr subtilen Hinweise paaren sich mit offensichtlicheren Symbolen (wie eine rückwärts laufende Bahnhofsuhr) und stehen somit in perfekter Symbiose mit dem Protagonisten, welcher sein Leben in gewisser (körperlicher, nicht geistiger) Hinsicht rückwärts lebt.

Als Benjamin am Ende des Ersten Weltkriegs in New Orleans geboren wird und seine Mutter bei der Geburt stirbt, setzt sein geschockter Vater den deformierten kleinen Körper vor einem Altersheim aus. Dort findet Benjamin in Queenie - gespielt von Taraji P. Henson - eine liebevolle Ersatzmutter, die ihn niemals nur nach seiner Hülle beurteilt. Zur Verwunderung aller überlebt das kleine schrumpelige Kind und wächst fortan im Altersheim auf. Nach einigen Jahren ist Benjamin, wenn auch geistig noch ein kleiner Junge, vom äusserlichen her kaum von den Altersheimbewohnern zu unterscheiden. Dadurch, dass Benjamin in einem solchen Umfeld aufwächst, muss er schneller und unvorbereiteter als jeder andere Mensch erkennen, dass alles Leben und alle Begegnungen vergängliche Momente sind. Alle Freundschaften, die er knüpft, sind bereits nach viel zu kurzer Zeit wieder beendet. Der Tod ist ein ständiger Begleiter. Benjamin begreift dadurch, dass die Zeit, die uns gegeben ist, umso grössere Bedeutung erhält und dass man sie, unabhängig von den eigenen Voraussetzungen, nutzen und geniessen sollte. Ähnlich ist wohl auch folgendes, wunderschönes Zitat seines späteren Freundes Captain Mike - grandios gespielt von Jared Harris - zu interpretieren: "You can be as mad as a mad dog at the way things went. You could swear, curse the fates, but when it comes to the end, you have to let go." So definiert sich Benjamin niemals, obgleich dies wohl der einfachste Weg für ihn gewesen wäre, über seine "Krankheit", sondern darüber was er tut und was nicht: "Your life is defined by its opportunities... even the ones you miss." Und dass auch vermeintlich schlimme Dinge immer auch eine Chance mit sich bringen können, ist eine der hoffnungsvollen Grundaussagen, die wir aus Benjamin Button mit nach Hause nehmen sollten. Wäre Benjamin nicht im Körper eines alten Mannes geboren worden und wäre seine Mutter nicht bei der Geburt gestorben, so wäre er niemals in diesem Altersheim aufgewachsen und hätte wahrscheinlich niemals die Enkelin einer Altersheimbewohnerin kennengelernt, die die Liebe seines Lebens werden sollte. Ob dies Schicksal oder Zufall zu nennen ist, lässt Fincher im Ermessen des Betrachters und ist bei genauerem Überlegen vielleicht sogar irrelevant.


Als Benjamin die zu diesem Zeitpunkt 7 Jahre alte Daisy kennenlernt, sind beide sofort fasziniert voneinander, wenngleich Benjamin's Äusseres dem eines alten Mannes gleicht. Sie verbringen als "Spielkameraden" glückliche Momente miteinander, doch obwohl beide vielleicht schon wissen, dass sie füreinander bestimmt sind, ist ihre gemeinsame Zeit noch nicht gekommen. So bricht Benjamin, immer noch in der Gestalt eines alten Mannes, eines Tages auf, um die Welt zu erkunden. Auf dieser Entdeckungsreise entwickelt der Film viele wundervolle, teils skurrile Momente, wie beispielsweise der erste Bordellbesuch eines scheinbar alten Mannes, der die Prostituierte erschöpft, befriedigt und überrascht zurücklässt oder die wunderbaren Begegnungen mit der erfahrenen Elizabeth - gespielt von der wunderbaren Tilda Swinton - welche aus der Bekanntschaft zu dem faszinierenden Benjamin neue Leidenschaft und Lebenslust schöpft. So vergehen viele Jahre, und während der Kontakt zwischen Daisy und Benjamin niemals ganz abreisst, entwickelt sich Daisy – nun gespielt von Cate Blanchett - zu einer wunderschönen und jungen Tänzerin. Schliesslich kehrt der deutlich verjüngte Benjamin von seinen Reisen und vom Krieg nach Hause zurück, wo sich ihre Wege nach langer Zeit wieder kreuzen. Daisy ist fasziniert von der Veränderung, welche Benjamin in den Jahren durchgemacht hat. Aus dem alten Greis, der sie damals verlassen hat, ist ein charismatischer Mann um die 50 geworden, der auf sie eine seltsame Anziehungskraft ausübt. Benjamin jedoch, von Daisy's perfektem Aussehen und dem immer noch grossen "Altersunterschied" eingeschüchtert, weist Daisy ab, höchstwahrscheinlich aus Angst sie zu enttäuschen. So geht Daisy zurück zu ihrer Tanzgruppe nach Paris, wo später ein schlimmer Unfall ihre Karriere frühzeitig beenden wird. Fincher zeigt diesen Unfall in einer meisterhaften Montage über die Zeit und den Zufall (oder ist es Schicksal?) und verdeutlicht damit, wie vieles in unserem Leben ausserhalb unserer Kontrolle liegt. Es dürfte eine der besten Sequenzen sein, die Fincher in seiner Karriere als Filmemacher bisher gedreht hat. All die wichtigen Kleinigkeiten setzen sich hier zu einem perfekten Ganzen zusammen.

Benjamin bricht sofort nach Paris auf als er vom Unfall erfährt, um Daisy im Krankenhaus zu besuchen. Mittlerweile haben sich die Vorzeichen jedoch geändert. Während Daisy verletzt und gebrochen im Krankenhausbett in Selbstmitleid versinkt und realisiert, dass sie nie wieder die perfekte Tänzerin sein wird, hat Benjamin alle äusseren Anzeichen eines alten Mannes verloren und entspricht nahezu dem Idealbild. Deshalb ist es diesmal Daisy, die Benjamin abweist und nichts von ihm sehen möchte. Erst als sie ihre Traurigkeit überwindet und sich selbst akzeptieren kann, wie es Benjamin zu Beginn seines Lebens auch tun musste, kehrt Daisy nach New Orleans zurück und die beiden finden endlich zusammen und durchleben glückliche Jahre. Die Liebe, die sie seit Ewigkeiten miteinander verbindet, hat endlich alle Hindernisse überwunden und sie zu einer Zeit zusammen geführt, in der sie wie ein normales Pärchen im gleichen Alter wirken. Beiden ist bewusst, dass sie sich von diesem Startpunkt aus wieder in unterschiedliche Richtungen bewegen und dass Daisy eines Tages zur alten Frau und Benjamin zum kleinen Jungen werden wird. Beiden ist die Vergänglichkeit ihrer Situation bewusst und beide wissen aufgrund ihrer Erfahrungen damit umzugehen. So gelingt es ihnen, ihre gemeinsame Zeit und ihre Liebe trotz oder gerade wegen der kurzen Periode, die ihnen zur Verfügung steht, zu geniessen. Jahre später entschliesst sich Benjamin letztendlich dazu fortzugehen um Daisy und ihrer gemeinsamen Tochter ein normales Leben zu ermöglichen.


Die ganze Geschichte würde dabei nicht funktionieren, ohne die herausragenden Spezialeffekte, mit denen der Regisseur das Alter der beiden Hauptdarsteller vor unseren Augen praktisch beliebig zu variieren vermag. Fincher setzt die Effekte dabei subtil und wirkungsvoll ein und schafft das Kunststück, das gewünschte Alter perfekt darzustellen, ohne die Wiedererkennungswerte von Pitt und Blanchett auch nur einmal zu verfälschen. Desweiteren ist der Film durchzogen von erdigen Farben und in manchen Einstellungen hat man das Gefühl, ein Fotoalbum aus Sepia-Tönen durchzublättern. Diese Farbwahl unterstützt zum einen den melancholischen Grundtenor des Films und passt zum anderen perfekt zu dieser historischen Geschichte, die fast das komplette zwanzigste Jahrhundert vom ersten Weltkrieg bis hin zur Gegenwart durchläuft.

Ich hoffe, die vorangehenden Zeilen verdeutlichen, warum ich es als grundlegend falsch und ungerecht empfinde, Fincher's "Der seltsame Fall des Benjamin Button" allein auf eine unkonventionelle Geschichte zu reduzieren, denn der Film weist eine Vielfältigkeit auf, die den meisten Hollywoodproduktionen fremd ist. Er ist Fantasyfilm, Liebesfilm und Drama in einem. Er ist gespickt mit fantastischen, wenn auch zurückhaltenden Spezialeffekten und er lässt den Zuschauer nachdenklich im Sessel zurück. Man denkt nach über die Liebe. Kann sie wirklich alle Hindernisse überwinden? Man denkt nach über Schicksal. Gibt es so etwas? Oder sind wir alle nur ein Spielball des Zufalls? Haben wir unser Leben selbst in der Hand? Welche Bedeutung hat der Tod? Reisst er uns aus dem Leben und all seinen schönen Dingen heraus oder ist das Leben nur deshalb so wunderschön, weil es nicht ewig währt? Ist es schlimm ein Leben wie Benjamin führen zu müssen bzw. ist es schlimm wenn einem Schlimmes widerfährt? Sicher ist es das, doch Benjamin lehrt uns, dass viel weniger das zählt, was mit uns geschieht, als das, was wir daraus machen.

Viele der Fragen, die der Film für mich aufgeworfen hat, versucht Fincher zum Glück nicht zu beantworten, sondern behandelt sie eher als Denkanstösse für den Zuschauer. Ebenso wird wohl nicht jeder Zuschauer zwangsläufig über die selben Fragen nachdenken. Viele werden ganz andere Aspekte entdecken als diejenigen, die ich zu skizzieren versucht habe. Es ist ein Film, der so vielseitig sein kann, wie das Publikum selbst und diese Tatsache macht für mich den besonderen Reiz an diesem Schmuckstück aus.

Freitag, 21. Januar 2011

Black Swan - Das Monster in dir


Darren Aronofsky dreht sicherlich keine leicht verdaulichen Filme. Pi, Requiem for a Dream, The Fountain und The Wrestler. Dies war die bisherige Filmographie dieses so unkonventionellen wie genialen Filmemachers, welcher er nun mit Black Swan ein weiteres dunkles Kapitel hinzugefügt hat. Wieder nimmt er sich das Leben einer Person vor, die ihr ganzes Herz und ihre ganze Leidenschaft einer Sache widmet und droht, sich darin zu verlieren und zu zerbrechen. Dieses Motiv zieht sich durch all seine Werke hindurch, niemals jedoch hat er es uns mit einer solchen Wucht vorgetragen wie nun in Black Swan.

Aronofsky erzählt uns die Geschichte der talentierten Ballettänzerin Nina Sayers gespielt von Natalie Portman. Ein Jahr vor Drehstart begann sie zu hungern und dafür zu trainieren, gegen Ende bis zu 8 Stunden täglich, um die verzweifelte Geschichte von Nina glaubhaft darstellen und 90% der im Film gezeigten Tanzszenen ohne Double drehen zu können. Zweifelsohne ist dies eine Leistung, die mit dem Academy Award enden muss, denn Portman überzeugt die kompletten zwei Stunden in der Darstellung aller psychischen und physischen Facetten einer ambivalenten Figur.

Trotz noch so akribischer Vorbereitung bleibt Portman jedoch eine Schauspielerin, deren körperlichen Fähigkeiten natürliche Grenzen gesetzt sind. Um diese Grenzen zu verwischen und zu verhindern, dass sie den Gesamteindruck des Filmes schmälern, bedarf es eines talentierten Regisseurs, der es mittels gezielt eingesetzten Spezialeffekten versteht, Natalie Portman endgültig vor den Augen der Kinobesucher zur Ballerina werden zu lassen. Dies gelingt schon in den ersten Sekunden des Films, als der Zuschauer die grazil tänzelnden Füße einer perfekt ausgebildeten Primaballerina sieht. Man erwartet förmlich den ersten Schnitt um dann eine Großaufnahme von Portman's Gesicht zu sehen, die den Eindruck erwecken soll, dass Portman diesen perfekten Tanz auf das Parkett zaubert. Dies ist das erste und sicher nicht das letzte Mal, dass der Film dem Zuschauer den Atem raubt. Denn anstatt diesen einen entscheidenden Schnitt zu setzen, fährt die Kamera langsam nach oben und zeigt schließlich Natalie Portman in der Totalen. Aronofsky erreicht dadurch, obgleich es „nur“ einem Spezialeffekt zu verdanken ist, dass der Zuschauer Portman die Rolle von Anfang an ohne jeden Zweifel abkauft und sofort in die Geschichte hineingezogen wird.

Diese Geschichte nimmt ihre verhängnisvolle Wendung als Nina nach langem Warten ihre erste Hauptrolle als Schwanenkönigin in einer Neuinterpretation von "Schwanensee" erhält. Hierbei soll sie die Doppelrolle von Odette und Odile spielen. Auf der einen Seite Odette, eine junge unschuldige Prinzessin, die in einen weissen Schwan verwandelt wurde und nur durch die wahre Liebe erlöst werden kann. Auf der anderen Seite Odile, das dunkle, verführerische Ebenbild der unschuldigen Prinzessin. Dass Nina dazu in der Lage ist, die unschuldige Odette perfekt zu verkörpern, daran gibt es weder für den Zuschauer, noch für den von Vincent Cassel verkörperten Ballettmeister Thomas aufgrund Portman's sensationell subtiler Performance der zu Beginn zurückhaltenden und schüchternen Ballerina keinen Zweifel. Allerdings scheint sie zu prüde und introvertiert um die verruchte Odile überzeugend darstellen zu können. Trotz seiner Zweifel besetzt Thomas diese Doppelrolle mit Nina, da er in ihr etwas sieht, was Aronofsky dem Zuschauer zu Beginn nur andeutet. Wenn Nina beispielsweise in der U-Bahn steht und die Kamera von hinten auf ihr dunkles Spiegelbild fällt, so sind das zweifelsfrei nicht einmal unbedingt sehr subtile Hinweise auf das düstere Potential welches in Nina lauert.

Um dieses Potential zu wecken bedarf es jedoch der Ensemble-Newcomerin Lily (Mila Kunis), die nicht nur wegen den Tätowierungen auf ihrem Rücken in Form von grossen schwarzen Flügeln die perfekte Verkörperung von Odile zu sein scheint. Es ist wohl eine Kombination aus Aufbegehren gegen die von Ehrgeiz zerfressene, tyrannische Mutter, der Faszination an Lily's lasziver Seite und der grossen Angst von Lily im Kampf um die Rolle der Schwanenkönigin doch noch ausgestochen zu werden, welche letztendlich dazu führt, dass Nina sich immer mehr verwandelt. Auf der Suche nach Perfektion, nach der vollkommenen Darstellungen des schwarzen Schwans, verliert sie sich immer mehr in Wahnvorstellungen, was Aronofsky mit teilweise drastischen Bildern deutlich macht. Auch die ehrgeizige Mutter erkennt die beängstigende Verwandlung und versucht Nina am Premierenabend, vielleicht zum ersten Mal aus Sorge um das Wohlergehen ihrer Tochter, in ihrem Zimmer einzuschliessen. Es ist ein letzter verzweifelter, zum Scheitern verurteilter Versuch, das liebenswerte Geschöpf, welches Nina einst war, zurückzuholen und zu beschützen.

Welche von Aronofsky's Bildern letztendlich noch der Wirklichkeit entsprechen und was sich Nina in ihrem Wahnsinn nur einbildet, ist spätestens dann irrelevant wenn sich Nina bei der Premierenfeier auf der Bühne in den tanzenden schwarzen Schwan verwandelt. Dies geschieht freilich nur in Nina's Fantasie, jedoch ist diese Fantasie längst zu ihrer Realität geworden. Dieser fulminante und perfekt inszenierte Höhepunkt verdeutlicht, dass sie die notwendige Metamorphose abgeschlossen hat um die Doppelrolle perfekt zu meistern. Zu welchem Preis und mit welchen Mitteln sei hier nicht verraten, aber wir wissen, dass nicht jeder Held von Aronofsky erkennt, wann er umkehren sollte.

Black Swan ist ein düsteres und bedrückendes Meisterwerk eines Regisseurs, der auf dem Höhepunkt seines Könnens angekommen zu sein scheint. Sicherlich nicht ein Film für jedermann, aber zweifelsohne ein Film für mich und alle Aronofsky Fans da draussen.

Dienstag, 11. Januar 2011

Meine Top-Ten 2010

Nachdem uns Roman bereits mit einem fantastischen Beitrag zu einem ebenso fantastischen Film erfreut hat, wollte ich ebenfalls wieder einen kleinen Beitrag leisten. Alternativ zu einer Review eines einzelnen Films habe ich mir über das Kinojahr 2010 meine Gedanken gemacht. Ich hoffe, dass daraus wieder hitzige Diskussion und weitere Listen entstehen werden. Also: Verflucht mich, stimmt mir zu oder geniesst einfach die völlig subjektiven Eindrücke eines Filmfans! Und ja, "The Social Network" hat es mit voller Absicht nicht in die Top-Ten geschafft. Fincher ist ein grosser Filmemacher, aber eine perfekte Inszenierung vermag eine wenig fesselnde Geschichte nicht zu retten.

10. Kick-Ass

Im Kino habe ich diesen Knaller leider verpasst. Der BluRay-Blindkauf auf Robbies Empfehlung hin war jedoch eine meiner besten Entscheidungen des Jahres. Unglaublich witzige, wenn auch moralisch etwas fragwürdige Comicverfilmung, die zwei Stunden wie im Flug vorbei gehen lässt.
9. Moon
Keine Ahnung, ob dieses Schmuckstück überhaupt einen deutschen Kinostart hatte. Nichtsdestotrotz verdient Sam Rockwell´s Performance in jeder Top Ten Liste ihren Ehrenplatz!

8. Brothers
Ein grosser Verfechter von Natalie Portman war ich schon lange, aber seit Brothers muss ich zugeben: Auch Tobey Maguire hat den Spiderman 3 Rückschlag überwunden und ist zurück auf dem Niveau von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“.

7. Toy Story 3
Meiner bescheidenen Meinung nach nicht der beste animierte Film des Jahres, aber technische Perfektion, viele witzige Einfälle und eine gut durchdachte Story sichern diesem Pixar-Kracher seinen Platz in den Top Ten.


6. Buried
Ryan Reynolds’ 90-Minute-One-Man-Show offenbart nicht für möglich gehaltenes schauspielerisches Talent und beweist wieder mal, dass mehr als eine Location für einen guten und spannenden Film nicht nötig ist! Dabei wird das Konzept, welches Hitchcock beispielsweise auch schon in "Das Fenster zum Hof" verwendete, auf die Spitze getrieben und das Setting auf einen Sarg beschränkt.



5. Invictus
Für mich einer der inspirierendsten Filme, die ich kenne. Morgan Freeman ist eine schauspielerische Sensation als Nelson Mandela. Unbedingt in OV schauen!


4. Tangled

Etwas wofür mich viele steinigen werden: Tangled landet vor Toy Story 3. Für mich stimmt bei dem Film fast alles. Sympathische Charaktere bis in die kleinsten Nebenrollen, super Witze, eine gute Message und ein bisschen Romantik machen diesen Film zu einer wahren Perle für Gross und Klein!


3. Shutter Island
Gebt dem guten Leo doch endlich seinen Oscar!!! Wieder mal eine super Performance in diesem von Scorsese als B-Movie-Hommage gedrehten Mystery-Thriller, der auch unter dem CinemaRoRoO-Team interessante Diskussionen auslöste.


2. Scott Pilgrim vs. the World
Vielleicht lag es auch ein bisschen an der Art und Weise meines Kinobesuches (ich war der einzige Besucher im Kinosaal), aber selten habe ich mich während eines Kinoabends so sehr amüsiert! Die wohl innovativste Comicverfilmung, die ich bis jetzt erleben durfte. Und noch tausendmal mehr als das. Da ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte, will ich hier auf ein Zitat des Spiegel zurückgreifen: "… bei aller schwindeligen Exaltiertheit hat 'Scott Pilgrim' mehr über Liebe, Freundschaft und die Widrigkeiten des Jungseins zu sagen als die meisten ausgewachsenen Melodramen. Er sagt es nur schneller und lauter, denn sein Himmel hängt voller Gitarren statt Geigen."


1. Inception
Ich hatte keine Wahl. Dieser Film drängt sich so sehr für die Pole Position auf, dass es eine Sünde gewesen wäre, einen anderen Film zu nennen! Mehr will ich hierzu nicht sagen, denn egal was ich über diesen Film schreibe, es würde ihm nicht gerecht werden.


(The) Fantastic Mr. Fox – „pure wild animal craziness“



Was tun, wenn man in einer scheinbar aussichtslosen und lebensbedrohlichen Situation erfährt, dass die eigene Frau Nachwuchs erwartet? Genau, man verspricht sein Leben von Grund auf zu ändern, hofft darauf, dass man den Kopf noch einmal aus der Schlinge ziehen kann und gräbt. So zumindest macht es Mr. Fox (Stimme: George Clooney), nachdem er und Felicity (Stimme: Meryl Streep), Mrs. Fox, auf Beutezug in einer Geflügelzucht der Fuchsfalle auf den Leim gegangen sind. Beide kommen mit dem Schrecken davon. Aber von nun an ist Mr. Fox dazu verdonnert ein solides Leben zu führen. Gefahr, Nervenkitzel und Risiko ade, speziell nach der Geburt von Ash, dem durchweg unbegabten Fuchssprösslings.

Hier beginnt die eigentliche Geschichte von „Fantastic Mr. Fox“. Zwar bemüht sich der neugebackene Familienvater (dessen Vornamen wir nie erfahren), sein neues gutbürgerliches Leben bestmöglich zu meistern, der Wunsch zur Veränderung der Wohnsituation, raus aus dem unterirdischen und armseligen Fuchsbau – „it makes me feel poor“ –, rein in einen Baum mit wunderschöner Aussicht, ist jedoch nur ein Indiz für die persönliche Unzufriedenheit des gebildeten und philosophierenden – „who am I?“ – Herrn Fuchs. Ein Anflug von Midlifecrisis? Womöglich, nach gut sieben Jahren Fuchsleben. Der Umzug, der als vermeintliche Lösung daherkommt, ist dann schließlich der Anfang vom Ende. Seine Natur, ein wild-animalischer Trieb, kommt Mr. Fox in die Quere und verleitet ihn dazu einen Masterplan auszuarbeiten, um die drei nahegelegenen Landwirte ihrer Erzeugnisse zu erleichtern. Dieser letzte Coup soll ihm selbst noch einmal beweisen, dass er sein früheres Handwerk noch immer beherrscht. Das riecht natürlich nach Ärger und es kommt wie es kommen muss: Buggis, Bunce und Bean sinnen auf Rache und wollen dem diebischen Reineke den Garaus machen. Doch die Tierwelt, unter der Führung von Mr. Fox, lässt sich selbst von einem abgeschossenen Schwanz, vulkankraterähnlichen Ausgrabungsversuchen oder einer Cider-Überschwemmung nicht entmutigen und schlägt mit geballter Cleverness zurück, um den Menschen ihre Grenzen aufzuzeigen.

„Fantastic Mr. Fox“, Wes Andersons erster Animationsfilm, zeichnet sich durch eine extrem liebevolle und detaillierte Annäherung an die Kinderbuchvorlage von Roald Dahl – „James and the Giant Peach“, „Charlie and the Chocolate Factory“, „Matilda“ oder „The Gremlins“ – aus. Tausende von Miniatursets wurden kreiert, Kostüme entworfen und etliche mit Echthaar versehene Puppen gebastelt. Um ein besseres Gefühl für den Entstehungsort der literarischen Vorlage und das Umfeld des Autors zu bekommen, besuchten Anderson und Noah Baumbach zum Drehbuchschreiben sogar Dahls Gypsy Haus und ließen fast das komplette Inventar in klein für den Film nachbauen. Diese Akribie – etwa 24 Stunden reine Dreharbeit für 30 Sekunden Film – sieht man jeder Sequenz des Films an. Andersons Liebe für Außenseitercharaktere, die er in Filmen wie „Tiefseetaucher“, „The Royal Tenenbaums“ und dem von mir hochgeschätzten „Darjeeling Limited“, ist auch in „Mr. Fox“ deutlich wiederzuerkennen und lässt beim Zuschauer eine Mischung aus Mitleid und komischer Verbundenheit entstehen. Der warme Look und die unzähligen (nicht zu erahnenden) Ausdrucksmöglichkeiten durch minimale Fellmodulation untermauern diesen Eindruck. Da haben wir das regelmäßig angstgeschockte Opossum Kylie (Stimme: Walace Wolodarsky), den nichtsnutzigen Jungfuchs Ash (Stimme: Jason Schwartzman), den Bean-Sicherheitschef Rat (Stimme: Willem Dafoe), der nur einmal in seinem Leben einen Schluck Cider kosten möchte, oder Mr. Fox selbst, der an seiner Rolle als verantwortungsbewusstes Familienoberhaupt zu scheitern droht. Nicht jeder ist zum Helden geboren, scheint uns Anderson zurufen zu wollen, doch jeder kann über sich hinauswachsen, wie uns Ash in seinen großen 30 Sekunden beweist, als er einen tollwütigen Beagle auf die schießwütige Menschenmeute hetzt.

Am imposantesten und lustigsten sind für mich jedoch die Szenen, wenn die sonst so kultivierten, domestizierten und bürgerlichen Tiere aus ihrer Haut fahren und die animalische Seite in ihnen durchkommt. Beispielsweise wenn Mr. Fox und Badger (Stimme: Bill Murray) über den Kauf des Baums in Streit geraten. Gefletschte Zähne, gezückte Krallen und ein aggressives umeinander Kreisen ist das Ergebnis einer solchen Ausnahmesituation, die kurz andauert ehe die Vernunft das Animalische wieder in den Griff bekommt. Hier muss ich immer wieder Schmunzeln und bin überrascht, obwohl ich die Szene schon etliche Male gesehen habe. Auch die Tischgewohnheiten, wenn Mr. Fox für Augenblicke seine gute Manieren vergisst, sein Essen zerreißt und in sich hinein schaufelt, um dann wieder in aller Seelenruhe seinen Kaffee(?) zu schlürfen, sind klare Indizien für seine innere Zerrissenheit. In den beschriebenen Situationen steckt die eigentliche Essenz des Films, der viel mehr als wunderbare, warmherzige und extrem lustige Familienunterhaltung ist. Es geht darum, ob wir unsere eigene Natur verleugnen können/dürfen bzw. inwieweit das für uns gut ist. Es geht um Freundschaft, Zusammenhalt und darum, das Beste aus jeder Situation zu machen sowie sich in seiner eigenen Haut zu akzeptieren. Auch das menschliche Verhalten gegenüber der Natur – die Tierwelt ist durch und durch typisch menschlich gezeichnet – ist ein wichtiger Bestandteil des Films, abseits von zu offensichtlichen und gewollten Ökobotschaften. Entgegen der deutlich erkennbaren Menschlichkeit der Tiere, sehen wir aber auch einen Fuchs, der nichts anders tut als seiner Natur nachzugeben indem er seinem Jagdtrieb nachgeht. Durch die Ausbreitung des Menschen nimmt sein natürliches Habitat jedoch kontinuierlich ab, wodurch er gezwungen wird,sich mit der gegebenen Situation zu arrangieren. Endgültig angepasst sind die Tiere dann in der letzten Szene, als sie den Supermarkt übernehmen und die Vielfalt ihres neu gewonnenen Nahrungsangebots feiern. Zwar geht der Zuschauer mit einem positiven Gefühl aus dem Film – die Tiere tanzen ja schließlich vor Freude –, fraglich ist aber, ob das Lächeln von Mr. Fox nicht nur ein erneuter Kompromiss ist. Die Tiere müssen von nun an unterirdisch Leben – inklusive Grundstücksspekulationen – und sind auf von Menschen produzierte Nahrungsquellen angewiesen. Sie haben sich zwar mit der vorgegebenen Situation abgefunden, um nicht vollständig verdrängt, das heißt ausgelöscht zu werden, die von Mr. Fox vormals aber so verehrte Natur – er zieht anfangs mit Mrs. Fox den schöneren dem kürzeren Heimweg vor – ist weit und breit nicht mehr zu sehen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und Foxi hat den Glauben nicht aufgegeben, dass es mehr als das reine Überleben geben kann:

„They say our tree may never grow back, but one day something will.” (Mr. Fox)

Mit „Fantastic Mr. Fox“ ist Wes Anderson und seinen 29(!) Filmunits ein unvergessliches Stück Filmgeschichte gelungen. Roald Dahls Vorlage wird die größte Ehre erwiesen, indem den Figuren durch viel Zuneigung und Engagement eigenes Leben eingehaucht wird. Leider ging der Film 2009 im (berechtigten) Hype um „Up“ etwas unter, erhielt aber (ebenfalls berechtigt) durchweg gute Kritiken und jeweils eine Oscar-Nominierung für den besten Animationsfilm und den besten Soundtrack. Mich hat „Fantastic Mr. Fox“ tief berührt. Einige Gründe dafür habe ich versucht oben zu erläutern. Das wohl wichtigste blieb aber bisher unausgesprochen: „Fantastic Mr. Fox“ überträgt die Leidenschaft des Filmemachens in jeder Sekunde seiner Spielzeit auf den Zuschauer und rechtfertigt die aufgebrachte Zeit indem er eine fabelhafte, fantastische Geschichte erzählt.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Verehrte Leser unseres Blogs,

das CinemaRoRoO-Team wünscht allen Cineasten eine besinnliche, frohe Weihnacht und einen guten Start in's neue Jahr.

Wir werden auch 2011 wieder versuchen ein wenig Zeit freizuschaufeln, um mit Euch unsere Film-Leidenschaft zu teilen.

In der ersten Januarwoche, das verspreche ich hiermit, wird der nächste Beitrag kommen. Seid gespannt.

Grüße aus dem Kinosessel,
Oli, Robert & Roman (me)

Samstag, 13. November 2010

Children of Men - Die Hoffnung stirbt zuletzt


Es ist mir ein besonderes Anliegen, allen, die hier über unseren Blog stolpern, und Children of Men noch nicht gesehen haben (und das mögen einige sein) den Film wärmstens zu empfehlen. Warum? Ich halte Children of Men (CoM) in vielerlei Hinsicht für einen der besten Filme unserer Zeit. Eigentlich bin ich absolut kein Freund solch genereller Aussagen, trotzdem stehe ich in diesem Fall voll und ganz hinter meiner Behauptung. Das rührt nicht zuletzt daher, dass mich mit diesem Meisterwerk ein ganz "tragisches" Erlebnis verbindet, das für mich bezeichnend dafür ist, wie unterschiedlich Filme auf - nennen wir es "unterschiedliche Zuschauergruppen" - wirken können. Was jetzt also folgt ist eine durchweg subjektive Erzählung eines DVD-Abends, zu dem ich Kollegen und Bekannte geladen hatte. Das kann ich allerdings nicht, ohne Details des Films preiszugeben, weshalb ich allen, die ihn noch nicht gesehen haben, vom Weiterlesen abraten möchte.

Zum Hintergrund sei erwähnt, dass ich mich nicht mehr genau daran erinnern kann, weshalb ich diesen DVD-Abend damals ausgerichtet hab, jedenfalls saßen eines Abends plötzlich eine Menge Kollegen und deren Freunde auf meiner Couch, deren filmtechnischen Hintergrund ich bestenfalls vage abschätzen konnte. Um es kurz zu machen, fiel nach einer langen und durchaus prophetisch anzusehenden Diskussion (die meisten Anwesenden kannten so gut wie keinen Film meiner Sammlung, selbst "Star Wars" war manchem kein Begriff, kein Witz) die Wahl auf "Little Miss Sunshine" und "Children of Men".

Nach einem eher durchwachsenen Feedback nach dem grandios unterhaltsamen "Little Miss Sunshine" legte ich also mit einer Mischung aus Vorfreude ("gleich kommt einer meiner Lieblingsfilme") und Unsicherheit ("wie der wohl ankommt") die DVD ein.

Bereits die Eröffnungsszene hatte mich wieder total in die dichte Atmosphäre des Films gezogen: Eine in einem Café laufende Nachrichtensendung erhält unverhältnismäßig großes Aufsehen. Während die Gäste die Nachricht der Ermordung des jüngsten noch lebenden Menschen, dem 18-jährigen "Baby Diego", geschockt aufnehmen, drängt sich der Hauptprotagonist - Theo Fang, gespielt von Clive Owen - anteilslos durch die Menge, um sich seinen Kaffee zu bestellen. Er möchte nur schnell raus aus der sich eng an den Tresen drängende, ergriffene Menge. Baby Diego starb im Jahr 2027 im Alter von 18 Jahren. Die Kamera folgt Theo ohne Schnitt aus dem Café auf eine von riesigen Werbe-Videotafeln eingerahmte, gleichzeitig schmutzige, vielbefahrene Straße. Müllsäcke säumen den Gehsteig, die TukTuk-Fahrer tragen Mundschutz und die Polizisten tragen immer noch ihre Bobby-Hüte. Und während die Kamera um Theo herumwandert, der kurz innehält, um seinem Heißgetränk etwas mehr Geschmack zu verleihen, sehen wir einen alten, roten, typischen Londoner Bus, auf dessen Seite ein Werbevideo - vermutlich für Hundefutter läuft. Wir gewöhnen uns schnell an diese immer nur beiläufigen Hinweise auf die Tatsache, dass wir uns in einer nahen Zukunft befinden, da sie subtil und gleichzeitig realistisch integriert sind. Alles wirkt organisch, glaubhaft, nah, wir stehen jetzt auf dieser Straße, neben Theo. Und dann?

Alfonso Cuarón erreicht mit dieser Anfangsszene so einiges: Zunächst wird der Zuschauer sofort in Kenntnis über die äußeren Umstände des herrschenden Universums gesetzt. Der Hauptcharakter wird zwar wortlos, aber doch in seiner Einstellung und seinem Gemütszustand sehr genau gezeichnet. Farben spielen außerdem eine große Rolle, so dominiert ein gedrückter, blau-grüner, schwerer Ton, als wäre den Farben jegliche Kraft genommen worden, so wie der Tod des jüngsten noch lebenden Menschen der Gesellschaft die letzte Hoffnung nimmt. Die Länge der Anfangsszene schafft außerdem eine Authentizität, die den kompletten Film auch weiterhin auszeichnet, und lässt den Zuschauer wirklich zum betroffenen Betrachter werden, der zwar mittendrin zu sein scheint, aber nichts an der Trostlosigkeit ändern kann. Die so geschaffene Immersion wirft die divergenten Fragen auf: "Was ist hier nur los?" und "Will ich das wirklich wissen?" Doch bevor wir, die Betrachter, uns entscheiden können, ob wir Betrachter bleiben wollen oder uns darauf einlassen, eine Ebene tiefer zu tauchen, zerschlägt die unvermittelte Explosion des Cafés, des Ortes, an dem wir eben tatsächlich gewesen sind, in dem wir so viele erschütterte Gesichter gesehen haben, den wir in der selben Szene zusammen mit Theo verlassen hatten, die Optionen und wir sind mitten drin im Geschehen. Die Explosion wirkt nicht nur real, sie ist es, man kann sie hören, die Erschütterung im heimischen TV-Sessel spüren und ertappt sich eventuell erst etwas später dabei, wie man sich an den Armlehnen festklammert. Und während uns noch die Ohren pfeifen, der erste, so sehr erwartete Schnitt: Schwarzer Bildschirm. "Children of Men".

Und dann, die nächste Überraschung: "He? Versteh ich nich, wieso ist das denn jetzt explodiert?" aus der linken Ecke des Raumes, in dem ich mich eben noch alleine gefühlt habe. Mein Blick wandert zur Seite und ich starre in teils gelangweilte, teils sinnsuchende, teils aber auch - und das verstört am meisten - angewiderte Gesichter. Gesichter, die zu sagen scheinen, "können wir nicht umschalten, ich will keine Nachrichten sehen, ist ja eh immer nur das Gleiche." "Was macht der Film denn da? Ich will mich doch nicht ernsthaft mit seinem Inhalt auseinander setzen müssen, um unterhalten zu werden!" Was soll man antworten? Der Film geht eben erst los, ist schon alle Hoffnung darauf, den Gästen ein intensives, bewegendes und zum Nachdenken anregendes Stück Filmkunst zu ermöglichen, verloren? "Nein, dazu ist der Film einfach zu gut", denke ich, und rate zur Geduld.

Der Film erzählt - ganz unbeeindruckt von den heimischen Vorkommnissen - weiter von einer Gesellschaft, die unter der weltweit seit einigen Jahren anhaltenden, nicht erklärbaren, weiblichen Unfruchtbarkeit leidet. Man begleitet Theo durch ein an einen Polizeistaat erinnerndes London, es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, die beim Zuschauer unweigerlich Fragen aufwerfen sollen. Lediglich Owens Spiel ist es zu verdanken, dass diese Fragen sogleich beantwortet werden, denn für ihn ist diese Welt Alltag. Eine aus den Fugen geratene Welt, die so sehr an unsere erinnert, dass wir wirklich glauben MÜSSEN, dass sie so aussehen könnte. Egal, ob Unfruchtbarkeit, ob die weltweiten Öl-reserven aufgebraucht sind, oder, ob Staaten entscheiden, Randgruppen durch ihre Politik zu diskriminieren.

Im weiteren Filmverlauf wanderte mein Blick immer wieder verstohlen zur Gäste-Couch, doch es trat keine Besserung ein. Im Gegenteil. Ich konnte einfach nicht begreifen, wie es - ausnahmslos angehenden Akademikern, wohlgemerkt - nicht möglich war, das ihnen vorgestellte Universum zu begreifen. Natürlich kann man in Frage stellen, ob eine 18 Jahre andauernde, nicht zu erklärende weibliche Unfruchtbarkeit zu der von Cuarón dargestellten Welt führen kann, wer vermag das schon zu sagen, aber sie nicht einmal für möglich zu erachten, sie gar als übertrieben, letztendlich als dem Regisseur zweckdienlich zu bezeichnen... mir fehlten die Worte.

Theo, dessen Leben durch den Tod seines eigenen Kindes die weltweite Depression wiederspiegelt, gerät im Laufe des Films in die schwierige Lage - aufgrund seiner familiären Verbindungen, und das in mehrfacher Hinsicht - eine junge Frau zu beschützen, die unerklärlicher Weise schwanger geworden ist. Der Film zeigt die Flucht der beiden vor einer nationalistischen Sekte (die Fishes) in ein postapokalyptisch anmutendes Asylantenlager, auf dem Weg zum "Human Project", eine - sinnvollerweise nicht näher beschriebenen - Gruppe, in deren Hände die Hoffnung der Menschheit sicher sein wird. Der Zuschauer muss zusammen mit Theo auf diesem Weg immer wieder emotional einschneidende Tragödien hinnehmen. Die Ohnmacht des Protagonisten in diesen Szenen wird zur eigenen, und das belastet, natürlich. Nichtsdestotrotz gibt es Hoffnung, personifiziert durch Kee (die im wahren Leben den schönen Vornamen Clare-Hope trägt), und spätestens, nachdem man sich in einer epischen Szene minutenlang ohne Schnitt, unbewaffnet, durch Straßenzüge unter Kugelhagel und Explosionen geduckt hat, um Kee und ihr Kind aus den Händen der Fishes zurückzuholen, und dann das Weinen des Neugeborenen das Kriegstreiben einfriert, gerade solange, bis man unbeschadet aus der Schusslinie entkommt, weiß man, wofür man das alles durchmacht.

Am Ende dieses DVD.Abends fühlte ich mich in vielerlei Hinsicht wie Theo. Ich hatte meinen Gästen einen hervorragenden Film gezeigt, die Hoffnung, ihren Filmgeschmack damit zu verbessern hat mich zu diesem Punkt gebracht, und immerhin ist niemand vorher gegangen. Doch genauso wenig wie Theo am Ende weiß, ob seine Reise erfolgreich war (wer weiß schon, ob das Human Project wirklich die Richtigen sind für die letzte Hoffnung der Menschheit), kann ich sagen, welcher meiner Gäste durch CoM in irgendeiner Weise "profitiert" hat. In jedem Fall war das mein erster und letzter DVD-Abend dieser Art.