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Mittwoch, 24. Oktober 2012

The Descendants – Mehr als die Summe seiner Teile


Familie und andere Angelegenheiten. Der deutsche Untertitel zu Alexander Payne's Film The Descendants klingt so schnöde und langweilig, dass er mich fast von einem Kinobesuch abgehalten hätte. Zum Glück habe ich mich trotzdem getraut und im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich diesen Titel sogar durchaus passend finde, auch wenn er nicht besonders sexy klingt.
The Descendants gewährt dem Zuschauer einen Einblick in die vielleicht wichtigste Lebensphase einer hawaiianischen Familie und zeigt dabei viele Szenen, die für den Betrachter schwer zu ertragen sind. Jeder der Protagonisten hat sein Päckchen zu tragen, allen voran Hauptprotagonist Matt King. Es benötigt nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, warum dessen Familie vor der Selbstzerfleischung steht. Dass der Film den Zuschauer trotzdem nicht deprimiert, sondern im Gegenteil hoffnungsvoll zurück lässt, ist der scheinbar unerschöpflichen Bandbreite an Emotionen geschuldet, mit denen die Geschichte auf beeindruckend lebensbejahende Art und Weise präsentiert wird. Da ist George Clooney's selbstironische und vor allem uneitle Darstellung von Matt King, eines Mannes am Abgrund. Er portraitiert Momente tiefer Trauer, gefolgt von Szenen mit unterschwelligem, herzerwärmendem Humor. Auch gibt es Szenen, in denen der Zuschauer gar nicht weiss ob er weinen oder lachen soll. Clooney bringt es dabei mehr als einmal fertig, mit seinem Gesicht und seiner Körpersprache, Trauer, Verzweiflung oder Wut in ihrer reinsten Form darzustellen und den Zuschauer gleichzeitig zu amüsieren. Bei einem schlechteren Schauspieler hätte dieser amüsante Nebeneffekt ungewollt auftreten können, was das Todesurteil für einen Film dieser Art bedeutet hätte. Clooney hingegen sieht man in jeder Szene an, dass er und Alexander Payne genau diese ambivalente Wirkung auf den Zuschauer beabsichtigen. Wahrscheinlich muss man den Film gesehen haben, um zu begreifen, was ich damit meine, aber genau dazu soll dieser Text ja schliesslich animieren.
Etwas Leichtigkeit gewinnt der Film auch durch die Tatsache, dass Regisseur Alexander Payne dem Zuschauer ein ums andere Mal hawaiianische Traumkulissen präsentiert. Allerdings wird durch folgenden Monolog gleich zu Beginn des Filmes unmissverständlich klargestellt, dass den Zuschauer nur aufgrund des Standortes Hawaii kein anspruchsloser Film erwartet: "My friends on the mainland think just because I live in Hawaii, I live in paradise. Like a permanent vacation. We’re all just out here drinking maitais, shaking our hips, and catching waves. Are they nuts? How can they possibly think our families are less screwed up, our heart attacks and cancers less fatal, our grief less devastating? Hell, I haven’t been on a surfboard in fifteen years. For the last 23 days, I’ve been living in a “paradise” of IVs and urine bags and endotracheal tubes and six-month old US magazines. Paradise? Paradise can go fuck itself."
Der grösste Coup des Filmes, neben seinem Hauptdarsteller, ist aus meiner Sicht der aufgrund des ernsten Grundthemas zunächst völlig deplaziert wirkende, aber zum Standort passende Soundtrack. Alexander Payne entschied sich dazu, praktisch ausschliesslich auf hawaiianische Folklore-Lieder zu vertrauen. Hier haben wir somit ein Beispiel für einen Film, in dem der Score einen deutlichen Gegenpol zum Grundthema der Geschichte bildet. Beide, sowohl Film als auch Musik, profitieren davon extrem und fügen sich zu einem homogenen Ganzen zusammen, welches (zumindest für mich) mehr ist, als die Summe seiner Einzelteile. Der Film wird dadurch deutlich aufgewertet und einzigartig, da er durch die exotischen Klänge vieles von seiner Schwermütigkeit verliert, was die Grenzen zwischen Drama und Komödie weiter verwischt und die vielseitigen Darstellungen der Schauspieler unterstützt. Die Musik wiederum, die in einem neutraleren und seichteren Setting wahrscheinlich fröhlich und ein Stück weit belanglos geklungen hätte, wirkt aufgrund der Geschichte plötzlich melancholisch und kraftvoll. Die perfekte Begleitung auf der Reise eines Mannes und seiner Familie zu sich selbst und zueinander.
Hervorgehoben werden müssen drei weitere Darsteller. Shailene Woodley und Amara Miller spielen Matt King's Töchter Alexandra und Scottie überzeugend und tragen dazu bei, dass die ganze Situation immer glaubhaft wirkt. Nick Krause spielt Sid, den seltsamen Freund von Alexandra, der während seinen ersten Szenen nicht nur bei Matt King, sondern auch beim Zuschauer Stirnrunzeln auslöst und wie ein Fremdkörper wirkt. Doch auch hier gelingt es dem aus meiner Sicht zu Recht Oscar-prämierten adaptierten Drehbuch, der zunächst so eindimensional portraitierten Figur Leben einzuhauchen und verschiedene Facetten zu beleuchten, die seine spezielle Bedeutung für Alexandra motivieren.    
Sicherlich besteht kein Zweifel daran, dass The Descendants aufgrund Alexander Payne's mutiger, aber eben auch unkonventioneller Adaption nicht für jedermann geschaffen ist. Viele Leute hätten in ihrer eigenen Review vielleicht ganz ähnliche Aspekte angesprochen wie ich es getan habe, wären aber zu einem viel negativeren Fazit gelangt, da sich die Umsetzung in der Tat auf einem sehr schmalen Grat bewegt und an vielen Stellen Gefahr läuft, ins Lächerliche oder Unglaubwürdige abzurutschen. Da ist es nur natürlich, wenn diese Grenze für einige Leute schneller überschritten scheint als für andere. Ich finde jedoch, man sieht dem Film an allen Ecken und Enden an, dass sich alle Beteiligten der schwierigen Aufgabe bewusst waren. Der Film kann tief berühren, wenn der Zuschauer Zugang zu ihm findet. Ich für meinen Teil habe das geschafft und hoffe, mit diesem Text ein paar Leute von den vielen Vorzügen dieses einzigartigen Schmuckstücks überzeugt  zu haben.

Montag, 2. Juli 2012

The Man from Nowhere (Ajeossi)


Eigentlich ging der Reiz die "koreanische Antwort auf 96 Hours" zu sehen, wie auf der Rückseite der von Amasia veröffentlichten BD angepriesen, knapp gegen null. Zwar war ich von der kernigen Entführungsgeschichte mit Liam Neeson keineswegs enttäuscht, genauso wenig begeisterte mich diese recht geradlinige Geschichte jedoch. Nur mein seit der Rachetrilogie von Park Chan-wook entfachtes Interesse für das Südkoreanischen Genrekino gab letztlich den Kaufentscheid. Ein Blindkauf sozusagen, ohne es später auch nur eine Sekunde zu bereuen.
Won Bin, der bereits in Mother(Madeo) als zurückgebliebener Triebtäter zu überzeugen wusste, verkörpert den zurückgezogen lebenden Tae-sik, der sich sein Brot als Pfandleiher verdient. Unfreiwillig schlittert er durch seine Nachbarin in einen misslungen Drogenraub und muss sich bald gegen eine ganzes Kartell behaupten. Dass der zuerst noch mit Boygroup-Frisur recht brav daherkommende Tae-sik sich dabei mehr als beachtlich schlägt, lässt bereits vermuten, dass das Pfandleiherhandwerk keineswegs seine erste Berufswahl war. Hinter der fast starren und anfangs kaum zu einer Gefühlsregung fähigen Maske, versteckt sich eine zutiefst vernarbte Seele. Der Grund dieser Narben wird nur in kurzen, aber völlig hinreichenden Rückblenden offenbart, die dem Helden die nötige Motivation für sein späteres Handeln an die Hand geben. Was der Titel bereits andeutet, wird durch das Aussparen weiterer Details seiner Vergangenheit untermauert. Tae-sik ist der Mann aus dem Nichts, der ebenso unbemerkt auftaucht, wie er auch wieder verschwindet. Leben oder Sterben spielt dabei für ihn nur eine untergeordnete Rolle. Als Tae-siks Nachbarin und ihre Tochter So-mi entführt werden und er kurze Zeit später die Mutter tot in einem Kofferraum findet, schwebt auch So-mi in höchster Lebensgefahr. Auf der Suche nach So-mi wird Tae-sik angeschossen und muss einige Zeit bei einem Freund unterkommen, um sich von seinen Verletzungen zu erholen. Sein Ziel, die Befreiung So-mis, verliert er dabei jedoch nie aus den Augen. Sie ist zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden. Nachdem der ehemalige Spezialagent genesen ist, kann er sich jedoch kaum noch an Son-mis Gesicht erinnern. Trotzdem beginnt er die Fährte aufzunehmen. In einem furiosen Finale steht alles auf dem Spiel. Wird Tae-sik So-mi rechtzeitig finden?

The Man from Nowhere ist eine Geschichte über Tod, Schmerz und den moralischen Anspruch das Richtige zu tun. Hervorragend gefilmt, nervenflirrend inszeniert und wunderbar kadriert, entwickelt der Film über knapp zwei Stunden eine intensive Identifikation und Empathie mit dem Helden. Natürlich ist The Man from Nowhere ein kommerzieller Box-Office Erfolg (über sechs Millionen Kinobesucher) und keineswegs mit der subtilen und abstrakten Sprengkraft eines Park Chan-wook zu vergleichen. Diesen Anspruch hat Lee Jeong-beoms Rachethriller auch keineswegs. Im fulminanten Finale zeigt sich durch das Changieren zwischen grandioser Action und ergreifender Dramatik, dass künstlerischer Anspruch und großes Kino keine unvereinbaren Gegenpole bilden müssen. Nach dem bitteren und harten Krimi The Chaser, gelingt es Lee Jeong-beom in seinem zweiten Langfilm erneut den Rezipienten mitzureißen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ein Grund mehr aufmerksam nach Südkorea zu schauen.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Mein Kinojahr 2011

Das Kinojahr 2012 steht in den Startlöchern und es verspicht gross zu werden. Den Anfang macht Drive, Nicolas Winding Refn‘s vielgelobter Thriller mit Ryan Gosling in der Hauptrolle. Doch das dürfte nur der Startschuss in eine fantastische Kinosaison werden. Es erwarten uns Independent-Perlen wie Steve McQueen's Shame mit Michael Fassbender, der in schwarz-weiss gedrehte Oscar-Anwärter The Artist und absolute Mega-Blockbuster wie Nolan's Konklusion seiner dunklen Batman-Trilogie The Dark Knight Rises, Ridley Scott's Rückkehr ins Sci-Fi Genre Prometheus und last but not least The Hobbit – An Unexpected Journey. Doch bevor wir uns an 2012 erfreuen, lasst uns kurz auf 2011 zurückblicken. Es war ein schwieriges Kinojahr. Zumindest habe ich es so empfunden. Masslose Enttäuschungen gab es zu Hauf. Immortals, Tron Legacy, Sucker Punch oder Green Lantern sind nur einige der Beispiele dafür. Transformers 3 als Enttäuschung zu bezeichnen wäre nicht ganz richtig, da das Wort Enttäuschung impliziert, dass man gewisse Erwartungen in einen Film gesetzt hat. Verwirrt war ich von Malick's The Tree of Life, dessen Sinn und Zweck (obwohl ich ihn nicht als schlechten Film bezeichnen würde) sich mir leider nicht erschlossen hat. Dies bedeutet aber nicht, dass es keine guten Filme zu sehen gab. Vielleicht musste man aber ein bisschen besser nach ihnen suchen als in den Jahren zuvor. Im Folgenden also meine Top Ten 2011 und ein paar der Filme, die den Sprung nur knapp verpasst haben, aber trotzdem durchaus einen zweiten Blick wert sind. Wie immer ist solch eine Liste natürlich eine höchst subjektive und heikle Sache, weshalb ich bei allzu grossen Differenzen mit der Meinung des jeweiligen Lesers um Nachsicht hoffe. Bei einigen der erwähnten Filme mag der amerikanische Kinostart bereits 2010 gewesen sein, ich orientiere mich aber jeweils am für uns relevanten europäischen Release.


Da es auch dieses Jahr, trotz den vielen Enttäuschungen, mehr als 10 erwähnenswerte Filme gab, beginnen wir zunächst mit einigen Filmen, die es nicht ganz in die Top 10 geschafft haben, aber trotzdem einen positiven Eindruck bei mir hinterlassen haben. Da wäre zum Beispiel Unknown Identity, ein mitreissender Thriller in bester Bourne-Manier. Ruhiger geht es da in The King’s Speech zu. Ob die Oscars für den besten Film und den besten Regisseur aufgrund der anderen Nominierten wirklich verdient waren, ist sicher fraglich. Trotzdem wird mit fantastischen Darstellern eine rundum gelungene, bewegende Geschichte über Freundschaft und Mut erzählt, die es wert ist, gesehen zu werden. Ähnliches lässt sich über Steven Spielberg’s Tim und Struppi sagen. Der Film ist zwar nicht das erhoffte Meisterwerk, aber kurzweilige und teilweise richtig gut gemachte Unterhaltung. Ebenso wie Real Steel. Dies ist mein völliger Ernst und ich bin bereit, alle Denunzierungen, die dieser Aussage folgen werden, zu ertragen. Kurzweilige Familien-Unterhaltung mit viel Herz, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Transformers-Schund gemein hat. Ernster geht es in The Fighter zur Sache, der allein schon wegen Christian Bale sein Geld wert ist. Mit einem ähnlich starken Schauspieler kann Alejandro González Iñárritu’s Biutiful aufwarten. Javier Bardem überzeugt einmal mehr in einem Film, den man nicht mal so kurz nebenher schaut und der lange nach wirkt. Abschließen möchte ich diese kurze Aufzählung mit Lars von Trier’s Melancholia. Teile des Films gehören für mich zum Besten, was das Kinojahr hervorgebracht hat. Die Ouvertüre beispielsweise ist meisterhaft inszeniert und visuell überwältigend. Insgesamt war der Film für mich aber zu schwerfällig, um einen Platz in den Top Ten zu rechtfertigen. Trotzdem würde ich jedem Filmfan empfehlen, ihn mindestens einmal gesehen zu haben.

Nach diesen Appetithäppchen ist es nun Zeit für meine 10 Top Filme des Jahres 2011.

10. Der Biber
Ungeachtet dessen, was man mittlerweile von Mel Gibson halten mag, trifft dieser kleine aber feine Film mitten ins Schwarze. Nicht nur die Geschichte des von Mel Gibson verkörperten depressiven Familienvaters berührt, sondern auch die Darstellung seines Sohnes (Anton Yelchin) und dessen Beziehungen zu seinem Vater und seiner Highschool-Liebe (Jennifer Lawrence) sind rundum gelungen.

9. Rise of the Planet of the Apes
Motion Capture wird wohl auf ewig mit dem Namen Andy Serkis verbunden sein. Wie er dem Affen Cäsar Leben einhaucht und den Zuschauer damit berührt, verdient grossen Respekt. Ich hatte wenig von dem Film erwartet und habe dafür umso mehr bekommen. Hier würde ich mich über eine Fortsetzung sehr freuen.


8. X-Men: First Class
Als ich zum ersten Mal hörte, dass Matthew Vaughn den Regieposten übernehmen würde, war ich schon sehr gespannt, da seine bisherige Filmografie (Layer Cake, Stardust und Kick-Ass) bereits einiges Potential andeutete. Zusätzlich übernahm mit Michael Fassbender ein Schauspieler, der immer mehr zu einem meiner liebsten Darsteller mutiert, die Rolle des jungen Magneto. Gut eingefügt in die Zeit des kalten Krieges ergibt dies eine spannende und in sich stimmige Vorgeschichte des weltbekannten X-Men Universums, welche ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.


7. Midnight in Paris
Eine sensationelle Darstellerriege, eine gewaltige Portion von Woody Allen's hauseigenem Humor und mehr als nur ein Schuss Melancholie machen aus diesem Film eine der unterhaltsamsten und einzigartigsten Zeitreisen der Kinogeschichte. Neben Vicky Cristina Barcelona mein liebster Woody Allen.


6. Blue Valentine
Ein Film mit einem fantastischen Hauptdarstellerduo, von dem wir in der nahen Zukunft noch einiges hören werden. Ryan Gosling hat mit The Ides of March und Drive aktuell zwei heisse Eisen im Feuer und Michelle Williams wird für My Week with Marylin bereits jetzt mit viel Kritikerlob bedacht. Der Film hat mich viele Tage beschäftigt und das ist weit mehr als man erwarten kann. Ein unkonventioneller, trauriger und deprimierender Film über eine zerbrechende Beziehung, den man nicht sofort wieder sehen möchte. Nichtsdestotrotz bleibt Blue Valentine ein wahnsinnig guter Film. Für mich einer der besten Filme des Jahres.


5. Thor
Dass der Regisseur Kenneth Branagh vor allem durch seine Shakespeare Verfilmungen bekannt wurde, merkt man dem Film (im positiven Sinne) an allen Ecken und Enden an. Zusätzlich fand man mit Chris Hemsworth wohl die Idealbesetzung für den mächtigen Donnergott aus Asgard. Mein einziger Kritikpunkt liegt in der zu kurzen Laufzeit und das, obwohl der Film wohlgemerkt nahezu 2 Stunden Länge aufweist. Hier hätte der Verwandlung vom arroganten zum selbstlosen Krieger eine halbe Stunde mehr gut getan. Nichtsdestotrotz bleiben die "Charaktersprünge" des titelgebenden Helden jederzeit nachvollziehbar und zusammen mit einem nahezu perfekten Soundtrack, passend eingestreuten Lachern und einem fiesen Bösewicht (grandios: Tom Hiddleston) ergibt sich die für mich erfreulichste Überraschung des Jahres. Fairerweise muss ich anmerken, dass sicher nicht alle Kritiker und Filmfans mit mir einer Meinung sind und es auch einige schlechte Kritiken gab. Nichtsdestotrotz: Für mich hat der Film nahezu perfekt funktioniert.


4. Black Swan
Neben The Wrestler aus meiner Sicht der beste Aronofsky. Eine ausführlichere CinemaRoRoO-Kritik und die darauf folgende angeregte Diskussion findet ihr in einem der früheren Beiträge.


3. 127 Hours
Dass Danny Boyle durchaus etwas von seinem Handwerk versteht, wissen wir nicht erst seit seinem Regie-Oscar für Slumdog Millionaire. Auf einem derart hohen Niveau wie bei 127 Hours hat er sich aber selten zuvor präsentiert. Mit einer meisterhaften Bildsprache und einer musikalischen Untermalung, die teilweise an Folter grenzt (dies ist als Kompliment zu verstehen), ist ihm hier aus meiner Sicht ein kleines Meisterwerk gelungen.


2. Super 8
Ich wage zu behaupten, dass dieser Film nicht in vielen Top Ten Listen einen der oberen Plätze einnehmen wird. Vielleicht muss man die Goonies, Stand by me und E.T. wirklich als Kind gesehen und geliebt haben, um J.J. Abrams' Super 8 so sehr zu lieben wie ich es tue. Ihn "nur" als Hommage an diese alten Klassiker zu bezeichnen, würde aus meiner Sicht dem Film aber nicht gerecht. Sicherlich hat er ein Ende, auf das man sich einlassen können muss, aber hey, dafür ist das Sci-Fi Genre ja wohl da, oder nicht? Wem dies gelingt, wird hier eine wahre Perle entdecken. Der Film hat so viele Facetten, die in einer ausführlicheren Kritik erwähnenswert wären und er funktioniert auf so vielen verschiedenen Ebenen. Ein Film, wie für die grosse Leinwand gemacht. Ich war begeistert.


1. Carnage
Was kommt dabei heraus, wenn man vier fantastische Schauspieler (von denen ich meinen Liebling in diesem Film wirklich nicht bestimmen könnte) und einen nicht weniger begabten Regisseur zusammen mit einem grandiosen Drehbuch für ein paar Wochen in einer Wohnung einsperrt? Eine Sensation wie Carnage, wobei der Film unbedingt in der Originalversion gesehen werden sollte. Für mich der beste Film des Jahres.

Montag, 14. November 2011

17. Filmschau Baden-Württemberg



// 30. November bis 4. Dezember 2011
// Metropol Kino Stuttgart
// Infos: www.filmschaubw.de
// Tickets: in den Innenstadtkinos Stuttgart oder unter
www.innenstadt-kinos.de

Samstag, 5. November 2011

Waltz with Bashir - Eine persönliche Erfahrung


Seit ich hier meinen ersten (und bisher einzigen!) Artikel verfasst habe, sind nun doch schon einige Monate vergangen. In der Zwischenzeit habe ich viele Filme gesehen, bei denen ich mir dachte: "Mensch, dazu kannst Du doch mal wieder was schreiben?!". Manchmal hatte ich dann auch schon den groben Aufbau des Artikels gedanklich durchgespielt und mir sogar einzelne Formulierungen überlegt, noch während ich den Film schaute. Genauso war es dann auch neulich, als ich Waltz with Bashir gesehen habe. Und was hat nun den Ausschlag gegeben, endlich auch etwas zu schreiben?  Es war eine andere Kritik zu dem Film, die ich am nächsten Tag gelesen habe. Denn diese beginnt quasi 1:1 so, wie ich es mir für meinen Artikel vorgenommen hatte, zieht aber dann ein komplett anderes Fazit... also anstatt ne eigene Einleitung mit anderen Worten wieder zu geben, zitiere ich einfach das Original:

"In many ways, this is the hardest review I've ever sat down and committed myself to writing. I regret watching Ari Folman's Waltz with Bashir. No, it's not because it was a waste of time. It wasn't because it was bad filmmaking. On the contrary, it is filmmaking at its finest. Waltz with Bashir is, at the very least, an astounding animated documentary with incredible originality and breathtaking impact, a film that must be watched by anyone with even a passing interest in world affairs or Middle Eastern History."

Soweit bin ich mit Todd Brown auf einer Wellenlänge. Ich bereue es aber aus einem ganz anderen Grund als er, den Film gesehen zu haben (und so gesehen ist "bereuen" eigentlich doch auch das falsche Wort), denn Waltz with Bashir ist einer dieser Filme, die ich jedem gern empfehlen möchte, selbst aber nicht vor habe, ihn ein zweites Mal zu schauen, einfach, weil er durch die Art des Storytelling ganz schön reinhaut.


Aber der Reihe nach: Worum geht es überhaupt in dem Streifen? Waltz with Bashir ist die autobiografische Erzählung der Vorkommnisse im ersten Libanon-Krieg aus Sicht des Regisseurs Ari Folman, der damals als 19-jähriger israelischer Soldat im Libanon stationiert war. Der Film wird in zwei Zeitzonen erzählt, denn er spielt in 2006 und beginnt damit, dass Ari einen etwas seltsamen Besuch seines alten Kameraden Boaz erhält. Boaz wird von einem wiederkehrenden Alptraum geplagt, den er auf seine Erlebnisse im Libanon zurückführt. Er möchte von Ari wissen, wie er sich an diese Tage zurückerinnert, um so etwas mehr Licht in seinen Traum zu bringen. Ari kann ihm dabei nicht wirklich viel helfen, denn er selbst erinnert sich an diese Zeit nur sehr wenig undweiß auch nicht, wann er das letzte Mal überhaupt daran gedacht hat. Das führt dazu, dass Ari selbst ins Grübeln kommt und von nun an versucht seine Bruchstücke wieder zusammen zu setzen. Dies gelingt ihm durch Gespräche mit alten Kameraden, einem Psychologen und einem Reporter. Dabei geht es speziell um die Tage der Ermordung des Milizenführers "Bachir Gemayel" und das darauffolgende Massaker von Sabra und Schatila.

Jetzt muss ich zugeben, dass ich im Vorfeld über diesen Krieg und so ziemlich allem, was damit verbunden ist, überhaupt nichts wusste. Aber das war nicht schlimm. Denn, und das ist der entscheidende Punkt im Vergleich zur Sichtweise von Todd Brown und seinem Review: Waltz with Bashir ist kein Dokumentarfilm und auch keine Geschichtsstunde. Vergleiche mit Michael Moore, die er in seinem Review anführt, sind daher nicht nur fehl am Platze, sondern vollkommen lächerlich.

Folman erzählt eine sehr persönliche und daher auch sehr verzerrte Sicht über Ereignisse, die tatsächlich stattgefunden haben. Dabei helfen ihm auch die persönlichen Eindrücke alter Kameraden, aber auch diese sind subjektiv verzerrt und versuchen nie, eine Art Aufklärung tatsächlicher Ereignisse zu sein. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich also das Gefühl, Folman wollte mir sagen "so war das damals nämlich". Seine (geniale) Aussage ist "so habe ich es tief vergraben in meinen Erinnerungen". Er nimmt auch keine pathetische oder politische Stellung ein, sondern versteht es, den Zuschauer mit auf eine Suche nach seiner Wahrheit zu nehmen. Die Frage der Wahrheit und der Schuld ist eigentlich zweit- oder gar drittrangig. Denn die Kernaussage, so profan sie jetzt klingen mag, ist wahr: Krieg ist das absolut Furchtbarste und Unerklärlichste.

Im Vergleich zu klassischen Anti-Kriegsfilmen wie Jarhead, Apocalypse Now oder Full Metal Jacket fühlte ich mich hier allerdings nie wie der stille Beobachter zuhause im Sessel, der eine spannende Geschichte erzählt bekommt, ich fühlte mich irgendwie näher dran, denn der Film schafft den Spagat zwischen der Authentizität einer Nachrichtensendung und der Dramaturgie einer guten Lagerfeuergeschichte (und das soll die unglaubliche Tragik der wahren Ereignisse absolut nicht abwerten!). Wer sich als Zuschauer also stattdessen dazu entscheidet, Waltz with Bashir in erster Linie als Dokumentation zu interpretieren, der tut das auf eigene Gefahr, darf sich dann aber nicht darüber beschweren, der Film gebe kein wirklichkeitsgetreues Abbild der Ereignisse wieder.

Mit Rückblicken zu arbeiten macht alleine noch kein gutes Storytelling, was ist hier also so besonders? Für mich ist der genialste Coup des Films sicherlich die Wahl des Formats: Waltz with Bashir ist ein einzigartig animierter Trickfilm. Anders, als beispielsweise bei Persepolis, dient hier das Format aber niemals dem Zweck, etwas comichaft und damit niedlich oder witzig darzustellen, der Zweck ist viel subtiler und hat bei mir den gewünschten Effekt (den ich nicht vorweg nehmen möchte) auf jeden Fall voll erzielt.

Ich könnte jetzt noch mehr über den Film erzählen, freue mich aber viel lieber auf eine angeregte Diskussion, haut also in die Tasten!

Sonntag, 16. Oktober 2011

Drive – Augenblicke im Leben eines Fahrers

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen in meinem nächsten Artikel über ‚Valhalla Rising‘ zu schreiben, das abstrakte und nahezu stumme Kriegerepos des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Doch die Aufregung rund um das neue Werk des Regisseurs, der sich mit der Pusher-Trilogie im europäischen Art-House Kino bereits einen Namen gemacht hat, machte mich neugierig. Dann doch lieber abwarten was da kommen mag. Es hat sich gelohnt…

Vorab // Trotzdem ich den Versuch unternommen habe so wenig wie möglich über die Geschichte beziehungsweise einzelne Szenen zu verraten – der Film soll in Deutschland bedauerlicherweise erst Anfang 2012 in die Kinos kommen –, kann ich doch nicht 100%ig ausschließen, dass sich in meiner übereifernden Begeisterung ein paar Spoiler eingeschlichen hab. Ich bitte um Nachsicht.

Ein Mann. Ein Auto…so könnte man ‚Drive‘, den neuen Film von Nicolas Winding Refn, in Anlehnung an eine allseits beliebte Serie mit sprechendem Auto und The Hoff in der Hauptrolle, auf den ersten Blick beschreiben. Das war‘s dann aber auch schon mit den Parallelen zur Actionserie aus den 80ern. Keine fliegenden Autos, Turbo Boost oder schicke Casio-Uhren. Nur die Schriftfarbe der Titelsequenz weckt kurzzeitig Erinnerungen an die Zeit der Foundation für Recht und Verfassung, ehe wir wieder in die dunklen und gewalttätigen Straßen des L.A. der Jetztzeit entlassen werden.

Der von Ryan Gosling – bereits in ‚Das perfekte Verbrechen‘ und ‚Blue Valentine‘ überaus überzeugend – verkörperte namenlose Fahrer ist alles andere als ein Gesetzeshüter à la Michael Knight. Als unscheinbarer Automechaniker und Stunt-Fahrer tagsüber, macht er sich nachts als wortkarger, stoisch dreinblickender wheel man für Los Angeles‘ kriminelle Szene verdient. Bereits die Anfangssequenz stellt klar heraus: dieser Typ versteht sein Handwerk. Unaufgeregt und ohne sichtbare Gemütsregung, immer mit einem Zahnstocher im Mundwinkel, wartet er auf seine heiße Fracht und lässt sich weder von Streifenwagen noch vom Suchscheinwerfer eines Helikoptern aus der Ruhe bringen. „Kid“, wie er von Shannon (Bryan Cranston – ‚Breaking Bad‘), dem hinkenden Werkstattbesitzer liebevoll genannt wird, ist ein Anti-Held, vergleichbar mit den Protagonisten der Schwarzen Serie, über deren Vergangenheit ein milchiger Schleier liegt. Er taucht irgendwann auf und scheint genauso unvermittelt wieder in die Nacht verschwinden zu können. Präzise getaktet und kraftvoll, wie ein V8 Motor, spult der Protagonist seine Dienste ab, immer darum bemüht keine Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst brenzlige Situation werden von seinem emotionslosen, nahezu kalten Gesicht absorbiert. Doch als Nachbarin Irene – die wundervolle und unschuldig spielende, durch ‚An Education‘ bekannte Carey Mulligan – den emotionalen Schutzschild des Fahrers zum Bröckeln bringt, bricht dieser aus seiner Routine aus – mit weitreichenden Konsequenzen.

Neben den wuchtig und exakt getimten Verfolgungsjagden, den hervorragenden und präzisen Bildern und dem treibend-monotonen, äußerst stimmigen Soundtrack, weiß ‚Drive‘ insbesondere durch seine Zurückhaltung zu überzeugen. Refn deutet eine Liebesgeschichte in Blicken, Gesten und Berührungen subtil an und macht die emotionale Bindung zwischen Irene und dem Fahrer dadurch umso stärker. Blicke nehmen über die Spielzeit des Films einen besonderen Stellenwert ein. Sie sind Symbole für Macht und Stärke, werden aber auch als verbindendes Element eingesetzt, was besonders deutlich wird, wenn der Fahrer Irene und ihren Sohn auf eine Spritztour an einige unbekannte, wunderbare, der Rohheit der Stadt entgegenstehende Orte entführt.

Refns Hollywood-Debüt ist rein von der erzählten Geschichte sicherlich nicht innovativ, weiß aber formal zu überzeugen, ohne zur belanglosen Hülle zu verkommen. Auch wenn ‚Drive‘ verglichen zu ‚Valhalla Rising‘ fast schon dialoglastig wirkt, bleibt vieles unausgesprochen, was, in Verbindung mit dem häufigen Gebrauch des Zeitlupeneffekts, die emotionale Spannung befeuert. Ein Vergleich zur testosterontriefenden ‚Fast and Furious‘ Reihe schießt deshalb meilenweit am Ziel vorbei. Vielmehr ist ‚Drive‘ aufgrund seiner rar gesäten Gewaltexzesse, die den Rezipienten wie ein unerwarteter Nackenschlag treffen und daher geschickt Akzente beziehungsweise Brüche in der Handlung akzentuieren, mit Cronenbergs Filmschaffen allgemein, im Besonderen mit ‚A History of Violence‘ zu vergleichen. Speziell die männliche Hauptrolle in ‚Drive‘ ist ähnlich undurchsichtig und mysteriös angelegt und treibt die Spannung sowie die Geschichte gezielt voran. Sowohl der Fahrer mit der Skorpionjacke und den braunen Lederhandschuhen (Gosling) als auch der biedere Café-Besitzer (Mortensen) schwanken zwischen Fassade und Wirklichkeit. Eine strikte Trennung ist hier, trotz extremer Selbstdisziplin, unmöglich, da die Übergänge zwischen beiden Ebenen fließend sind. Während Tom Stall (Mortensen) von dieser eingeholt wird, scheint der Fahrer überhaupt keine Vergangenheit zu haben. Im blitzschnellen Umschalten vom hilfsbereiten Nachbarn zum Mann mit den Eisaugen wird jedoch schnell ersichtlich, dass der Fahrer nicht der unbescholtene Bürger von Nebenan ist.

Mit ‚Drive‘ ist Refn ein meisterhafter Genre-Film gelungen, der sich einbrennt wie heißes Motorenöl. Eine intensive, dramatische Geschichte, die vom hervorragenden Cast, der wunderbaren Kameraarbeit, einem passenden 70er Synthiesoundtrack und dem exakten Schnitt veredelt wird. Refn zeigt uns ein unbekanntes L.A. Ein L.A. wie zuletzt in Michael Manns ‚Heat‘, roh und ohne Weichzeichner. Er beklemmt uns wie Cronenberg und bleibt doch dem eigenen Stil treu.

Montag, 10. Oktober 2011

Sucker Punch – "Stunned, stupefied, anesthetized, lobotomized"


Ein unerwarteter Schlag. In etwa so lässt sich der Titel von Zack Snyder's Machwerk frei übersetzen. Dass ihm dies, zumindest bei mir, zweifelsfrei gelungen ist, mag ich an dieser Stelle keineswegs bestreiten. Ich wage jedoch zu behaupten, dass er sich das grundlegend anders vorgestellt hatte. Snyder hatte wohl die Intention, bombastische Schauplätze und fantastische Action auf innovative Art und Weise mit einer realistischen Geschichte zu verbinden, welche schliesslich ein überraschendes Ende findet.

Dass Snyder aus diesem durchaus vielversprechenden Ansatz ein vielleicht nicht gänzlich ideenloses, dafür aber völlig seelen- und sinnloses Baukastensystem ohne jegliche Spannung gemacht hat, ist für mich tatsächlich ein harter Schlag. Und unerwartet war es obendrein, zumal sich Snyder bis zu diesem Zeitpunkt mit wenigen Filmen einen durchaus respektablen Ruf erarbeitet hatte: Dem erschreckend guten Remake von Dawn of the Dead im Jahre 2004 liess er 2006 das visuell überwältigende und zumindest bei Männern überaus beliebte Testosteronspektakel 300 folgen. Mit Watchmen drehte er 2009 die aus meiner Sicht bestmögliche und ebenfalls visuell bahnbrechende Verfilmung eines nahezu unverfilmbaren Kultcomics. Vor Sucker Punch liess er 2010 dann noch den völlig unterschätzten Animationsfilm Legend of the Guardians: The Owls of Ga 'Hoole folgen.

Weshalb habe ich mich beim Sehen von Sucker Punch also so gefühlt, wie es das titelgebende Zitat von Zelda Fitzgerald aus Woody Allen's Midnight in Paris wohl am besten ausdrückt? "Stunned, stupefied, anesthetized, lobotomized…" Um dies zu erläutern, muss ich auf einige K(n)ackpunkte der Geschichte eingehen, weshalb ich denjenigen, welche den Film noch nicht gesehen haben, ihn aber gerne noch vorurteils- und spoilerfrei sehen möchten (Anmerkung: Der Autor rät dazu, diesen Wunsch nochmals gründlich zu überdenken), vom Weiterlesen abraten muss.

Zu Beginn des Films wird eine junge Frau, gespielt von Emily Browning, von ihrem bösen Stiefvater nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer Schwester in eine Nervenanstalt eingewiesen, mit der trüben Aussicht in 5 Tagen aufgrund ihrer angeblichen Geistesgestörtheit einer Lobotomie unterzogen zu werden. Snyder muss sich selbst eindeutig als reinen Fantasy-Regisseur sehen. Andernfalls ist es nämlich kaum zu erklären, warum er diese realistische Handlungsebene verlässt, welche genügend Potential für einen klaustrophobischen Thriller geboten hätte. Stattdessen bewegt er sich fortan praktisch nur noch in verschiedenen Traumebenen um den Fluchtversuch von Babydoll und vier ihrer Mitinsassinnen zu beschreiben. Wer beim Wort Traumebene an das bereits heute unsterbliche Genre-Meisterwerk Inception denkt, sei jedoch gewarnt. Dort besitzt jede Traumebene eine eigenständige Handlung und doch werden die Handlungen der höheren Traumebenen durch die tieferen Ebenen massgeblich beeinflusst. Die einzelnen unterschiedlichen Bauteile bilden ein homogenes und hochkomplexes Ganzes. Nichts läge Sucker Punch ferner, als nach einer solchen Vielfältigkeit und Vernetztheit zu streben. Im Grunde genommen bewegt sich die Story immer auf der obersten Ebene, nur dass der Zuschauer eben genau diese Ebene fast nie zu Gesicht bekommt. Man könnte Snyder vorwerfen, dass er selbst nicht an seine Geschichte und ihr Potential geglaubt und deshalb die Flucht in die Special Effects gewählt hat. Warum sollte er sonst ein wahres CGI-Feuerwerk für etwas zünden, das eigentlich gar nicht passiert? Eine böswilligere Interpretation wäre, dass Snyder gar keine Geschichte erzählen, sondern einfach ein Spektakel und knapp bekleidete Mädchen präsentieren wollte.

Anstatt also weiter das Geschehen in der Anstalt zu verfolgen, hat der Zuschauer keine Wahl und muss Babydoll in ihre erste Traumebene folgen. Dass diese Traumebene nicht mehr in einer Nervenanstalt, sondern einem Bordell spielt und dass die drohende Lobotomie durch den Verlust der Jungfräulichkeit ersetzt wird, kommt dem Regisseur gerade recht… Damit die Mädels ihre Flucht in die Tat umsetzen können, müssen sie fünf verschiedene Dinge, wie beispielsweise eine Karte oder ein Messer, stehlen. In allen Fällen ist dies nur dann möglich, wenn Babydoll ihren scheinbar hypnotisierenden Tanz aufführt um die betreffenden Personen abzulenken. Das mag beim Stehlen der Karte noch halbwegs plausibel erscheinen, als jedoch das Messer des Küchenchefs gestohlen werden soll und dieser hypnotisiert vor der tanzenden Babydoll sitzt, wirkt diese Idee einfach nur noch lächerlich.

Die Tanzszenen werden dabei nie wirklich gezeigt, sondern durch eine zweite Traumebene ersetzt. Dies wird im Film damit erklärt, dass sich die schüchterne Babydoll in diese zweite Traumebene denken muss, um ihren Tanz aufführen zu können. In Wahrheit trägt die zweite Traumebene, wie bereits die erste, jedoch nichts zur eigentlichen Handlung bei, sondern ist nur eine übertriebene Darstellung dessen, was eine Ebene darüber gerade passiert. Warum sich Snyder dazu entschlossen hat, diese zweite Traumebene in seinen Film aufzunehmen, kann mehrere Gründe haben. Dem Leser steht es frei, sich einem der unten aufgelisteten Erklärungsversuche (oder einer Kombination davon) anzuschliessen:

1. Emily Browning ist zwar süss anzusehen, kann aber nicht tanzen.
2. Snyder hat spätestens bei der angesprochenen Szene mit dem Küchenchef realisiert, wie lächerlich der Storypunkt mit der "Ablenkung/Hypnotisierung durch Tanzen" wirklich ist und wollte davon ablenken.
3. Snyder hat nach dem Schneiden des Filmes gemerkt, dass seine Endfassung nur 13 Minuten Länge aufwies und hat danach in einem aufwendigen Nachdreh noch eine Traumebene hinzugefügt.
4. Snyder hat realisiert, dass mehrere identische Tanzszenen dem Film schaden könnten. Um davon abzulenken, dass dem Zuschauer im Grunde genommen mehrmals die gleiche Szene präsentiert wird, wurden die einzelnen Tänze also einfach durch verschiedene Fantasywelten ersetzt.
5. Snyder ist eines Nachts mit folgender genialer Idee aufgewacht: "Was ist besser als leicht bekleidete Mädchen? Na logo, leicht bekleidete Mädchen, die wie wild mit Waffen um sich ballern!"
6. Auf den ersten beiden Ebenen benötigte Snyder praktisch keine Spezialeffekte, was ihm nicht richtig erschien.

Nunja… so mähen die Mädels in den verschiedenen Welten also reihenweise (und vorzugsweise in Slow Motion) riesige Samurais, dreckige Orkse, Nazizombies und Drachen nieder um ihre verschiedenen Missionen pflichtbewusst zu erfüllen. Was in einem sinnvollen Kontext durchaus hätte funktionieren können, langweilt nach der dritten Zeitlupe einfach nur noch und der Zuschauer denkt sich: "Ja, das sah jetzt schon ganz cool aus, aber Moment… das passiert ja alles gar nicht wirklich… die Kleine ist ja am Tanzen… ach nee, Moment… den Tanz bildet sie sich irgendwie ja auch nur ein… was macht sie eigentlich gerade wirklich? Ach egal…" Irgendwann (eigentlich sogar ziemlich schnell) war mir dann auch egal, ob Babydoll ihre drohende Lobotomie abwenden kann oder nicht, so wenig Verbindung konnte ich mit den Hauptcharakteren aufbauen. Ich fühlte mich regelrecht lobotomisiert, zu keiner Gefühlsregung mehr fähig…

Was soll ich also schreiben? Bis vor kurzem mochte ich den Regisseur Snyder noch sehr und wenn ich an seine anderen vier bisherigen Filme denke, so fällt es mir auch keineswegs schwer, ihn immer noch sehr zu mögen. Wohlgemerkt waren seine früheren Projekte jedoch allesamt Adaptionen bereits bestehender Stoffe, während er mit Sucker Punch das erste Mal etwas aus der eigenen Feder verfilmte. In ein paar Jahren wird er vielleicht die Grösse haben und sagen: "Ich bin stolz auf fast alle meiner bisherigen Filme, aber was ich mit Sucker Punch verbrochen habe, bereitet mir auch heute noch schlaflose Nächte. Entschuldigung!" Vielleicht ist das alles aber auch nur die subjektive Meinung eines Filmfans, der sich einen anderen Film erhofft hatte. Andere mögen in dem Film etwas erkennen, das ich nicht im Stande bin zu sehen. Was mich betrifft, so werde ich mir demnächst wieder 300 in meinen BluRay-Player schieben, Leonidas und seine Mannen nach vorne brüllen und mich danach verhalten auf Snyder's nächste Projekte freuen. Dieser eine Ausrutscher sei ihm verziehen.