Dieses Blog durchsuchen

Mittwoch, 29. Mai 2013

Sherlock – Brainy is the new sexy



Im Jahr 2010 schickte sich die erste Staffel einer kleinen, aber feinen britischen Fernsehserie dazu an, den beiden grossen amerikanischen Kinoadaptionen von Sherlock Holmes mit Robert Downey Jr. zu trotzen. Wohlwissend, dass man es in Sachen Budget, Schauwerten und Action nicht mit dem grossen Bruder aus Amerika würde aufnehmen können, entschieden sich die Verantwortlichen dazu, einen etwas anderen Weg zu gehen. Weniger ist dabei mehr: Angesiedelt im London des 21. Jahrhunderts bietet die Serie kaum Action, dafür umso mehr (geistreiche) Dialoge und eine denkbar einfache, aber ungeheuer wirkungsvolle und kurzweilige Kombination aus Witz und Spannung. Nur jeweils drei Episoden umfassen die ersten beiden Staffeln, jede Episode dafür in klassischer 90-minütiger Spielfilmlänge. Durch die Fokussierung auf nur wenige Fälle und die Tatsache, dass den einzelnen Fällen mehr Zeit als die im Fernsehen üblichen 45 Minuten gewährt wird, erreicht die Serie praktisch durchgehend eine Qualität, die sich vor keinem Kinofilm verstecken muss, was wohl das erste Erfolgsgeheimnis von Sherlock sein dürfte.  

Das zweite Erfolgsgeheimnis, daran besteht wohl kein Zweifel, liegt im Cast der beiden Hauptdarsteller. Benedict Cumberbatch (als Sherlock Holmes) und Martin Freeman (als Dr. John Watson) sind absolute Glücksgriffe und gehen in Ihren Rollen voll und ganz auf. Auch die Chemie und das Timing der beiden erscheinen derart perfekt, dass man Sie sich auch gut und gerne als erfolgreiches Stand-Up Comedy Duo vorstellen könnte. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass die Filmkarrieren der beiden wohl gerade durch Sherlock einen riesigen Schub erhalten haben. Martin Freeman verkörpert aktuell den Hobbit in Peter Jackson’s gleichnamiger Trilogie; Benedict Cumberbatch dagegen gibt in Star Trek into Darkness ebenfalls in einem absoluten Blockbuster einen der besten Leinwand-Bösewichte der letzten Jahre:
 
Links: Benedict Cumberbatch in Star Trek into Darkness, Mitte: Sherlock Holmes und John Watson, Rechts: Martin Freeman in Der Hobbit



In der Serie ist sich Cumberbatch’s Sherlock jederzeit seiner unfassbaren Intelligenz über alle Massen bewusst und stellt sie auch bereitwillig zur Schau. Er wirkt deshalb auch immer ein bisschen arrogant und ist gleichzeitig in zwischenmenschlichen Beziehungen so tölpelhaft und rücksichtslos, dass es fast schon schmerzt. Jedoch verliert er nie wirklich die Sympathie des Zuschauers, denn Cumberbatch verleiht ihm trotz allem einen grossen Schuss Liebenswürdigkeit. So verzeiht man Sherlock nicht nur die Tatsache, dass sich Watson in regelmässigen Abständen Anmerkungen bezüglich der mangelnden Grösse seines Gehirns anhören muss. Man liebt Sherlock dafür. 


Dear God, what is it like in your funny little brains? It must be so boring!

Genauso liebt man ihn für seine maschinengewehrartigen Analysen des Tatorts, die nicht nur seine Mitstreiter immer wieder aufs Neue verblüffen, sondern auch dem Zuschauer alles abverlangen. Denn selbst auf dem Sofa fühlt man sich immer ein bisschen am Limit, wenn Sherlock das aus seiner Sicht Offensichtliche präsentiert. Dies wiederum führt zu einer perfekten Identifikation seitens des Publikums mit Freeman’s Watson, welcher oftmals schlicht und ergreifend wie der erste Zuschauer wirkt und Sherlock genau die „dummen“ Fragen stellt, die wir uns auch sofort stellen, durch die Mattscheibe aber nicht anbringen können. Herrlich sind auch die Szenen, in denen der Polizeichef verzweifelt und ideenlos am Tatort seinen „Consulting Detective“ Sherlock mit den Worten „Any ideas?“ begrüsst und Sherlock beispielsweise lakonisch antwortet: „Seven…“

Aber nicht nur die beiden Hauptdarsteller oder die überragenden Drehbücher sorgen dafür, dass Sherlock zu einem Triumphzug der britischen Fernsehunterhaltung wird. Kleinere Nebenrollen, wie bspw. jene von Sherlock‘s Bruder Mycroft (Mark Gatiss), sind exzellent besetzt und tragen zur genialen Stimmung bei. Unbedingt erwähnt werden muss auch der atemberaubende Auftritt von Irene Adler (exzellent: Lara Pulver), welche den ansonsten weitestgehend frauenresistenten Detektiv nicht nur aufgrund ihrer, nennen wir es unkonventionellen Kleiderwahl bei Ihrem ersten Treffen, aus der Reserve lockt. 

Zu guter Letzt darf natürlich auch der Hauptantagonist nicht fehlen, auch wenn er sich etwas Zeit lässt und erst in der dritten und somit letzten Episode der ersten Staffel in Erscheinung tritt: Jim Moriarty (Andrew Scott). Dass dieser weltbekannte Bösewicht seine „Beliebtheit“ beim Publikum in der Vergangenheit hauptsächlich auch dadurch bezog, dass er als einzige Person annähernd Sherlock‘s Intelligenz besitzt, war selbstredend auch den Machern der neuen Serie bekannt und wurde dementsprechend beibehalten. Trotzdem kommt er hier in einem neuen Gewand daher. Fast schon Schulbubenhaft wirkt sein Äusseres, jedoch nur so lange bis er den Mund aufmacht, denn Andrew Scott spielt Moriarty dermassen überdreht, dass er dem Zuschauer durch seine Stimmungsschwankungen und allein schon durch seine unterschiedlichen Tonlagen einen Heidenschrecken einjagt. Diesem Mann traut man wirklich alles zu. Und vielleicht ist das Erschreckendste das Gefühl, dass er nicht einmal einen Grund für seine Taten zu brauchen scheint. Ebenso wie bei Sherlock scheint seine Intelligenz mehr Bürde als Segen, da sie bei beiden zu zwanghafter Langeweile führt. Der Unterschied: Moriarty bekämpft seine Langeweile mit Verbrechen, während Sherlock nichts lieber tut, als eben jene kniffligen Fälle zu lösen. Nicht auszudenken, wenn Sherlock einmal genau diese Fälle und die daraus resultierenden Herausforderungen und Gefahrensituationen ausgehen würden. Würde er selbst zu einer Art Super-Verbrecher mutieren? Einfach aus Langeweile? Bei diesem Sherlock kann die Antwort nicht mit Sicherheit „Nein“ lauten. In der allerersten Episode wird John Watson sogar genau davor gewarnt:

Donovan: You're not his friend. He doesn't have friends. So who are you?
Watson: I'm... I'm nobody. I've just met him.
Donovan: Okay, bit of advice then. Stay away from that guy.
Watson: Why?
Donovan: You know why he's here? He's not paid or anything. He likes it. He gets off on it. The weirder the crime the more he gets off. And you know what? One day just showing up won't be enough. One day we'll be standing around a body and Sherlock Holmes will be the one who put it there.
Watson: Why would he do that?
Donovan: 'Cause he's a psychopath.
Psychopaths get bored.

Basierend auf diesem Zitat erreicht die Rivalität zwischen Moriarty und Sherlock im glorreichen Abschluss der zweiten Staffel mit der Episode The Reichenbach Fall ihren absoluten Höhepunkt, an deren Ende Sherlock uns alle vor ein Rätsel stellt, welches das Warten auf Staffel 3 fast unerträglich macht.

Dienstag, 5. Februar 2013

Ip Man - Charakterstudie? Kriegsdrama? Komödie? Kung-Fu!



Vorsicht Klischees!

Ich sehe mir gerne asiatische Filme an. Ein typischer Eastern hat vornehmlich (um nicht "ausnahmslos" zu sagen) Charaktere asiatischer Abstammung, welche im treffendsten Falle auch die typische Mimik und Gestik der asiatischen Schauspiel-Schule (stakkatohaftes Kopfnicken beim Ansprechen einer Person, ruckartiges Händeschwingen oder Reagieren auf verschiedene Situationen, etc.) bis ins Detail ausreizen. Dies trifft auf den Film Ip Man zu (an alle Informatiker: Es heißt nicht "IP-Man"!).
Ein Eastern bietet meiner Meinung nach außerdem eine gehörige Portion Action, sei es Kung-Fu Gekloppe oder bleihaltiges Pistolengewitter. Auch das trifft auf Ip Man zu, jedenfalls ersteres. Ein typischer Eastern beinhaltet jede Menge Humor, selbst wenn die Lacher oft nur einer eigentlich höchst fragwürdigen Synchronisationsleistung zuzuschreiben sind. Beim Ansehen von Ip Man kann man auch mal lachen, mit der Synchro hat das meistens allerdings nicht viel zu tun.
Die Hauptmerkmale eines asiatischen Films - jedenfalls nach meiner Definition - hat Ip Man also. Wieso ist er dennoch in vielen Punkten ein wenig anders im Vergleich zu seinen üblichen Genre-Kollegen? Die Antwort ist recht einfach - er nimmt sich zuerst selbst nicht ernst und dann aber plötzlich doch.


Es folgt ein recht detaillierter Überblick über die Filmhandlung - leider Spoiler behaftet, aber hoffentlich wenigstens unterhaltsam zu lesen.

Worum geht es also und was ist ein Ip Man?
Ip Man ist - wenn überhaupt - in der westlichen Welt eher bekannt unter dem Namen Yip Man, seines Zeichens Lehrmeister eines gewissen Kung-Fu Genies namens Bruce Lee.

Inwieweit der Filminhalt sich mit der Lebensgeschichte des echten Yip Man deckt, vermag ich als ungelernter China-Historiker nicht zu beurteilen, aber man darf guten Gewissens davon ausgehen, dass an der ein oder anderen Stelle leicht übertrieben oder etwas hinzugedichtet wurde. Wenn nicht, dann Hut ab, Yip Man.
Der echte Yip Man - irgendwie knuffig

Im Film ist Ip Man, gespielt von Donnie Yen, ein wohlhabender Kung-Fu Meister und lebt in den 30er Jahren in der chinesischen Stadt Foshan, durchweg als Zentrum der Kampfkunst bekannt. Diese Beschreibung kommt nicht von ungefähr. So wird vom Treiben in der Stadt in der ersten Hälfte des Films kaum mehr dargestellt, als die Hauptstraße, in der sich Kung-Fu Schule an Kung-Fu Schule reiht. Es versteht sich von selbst, dass jede Schule ihren eigenen Obermacker als Lehrer hat, dessen Kampfkunst in der Theorie nicht zu schlagen ist. Diese Figuren sind dabei leicht skurril dargestellt, es sind durch die Bank ziemlich schrullige, alte Männer; Stereotypen, die dem geneigten Zuschauer sofort aus zig anderen Kung-Fu Streifen bekannt sein dürften.

Ip Man selbst aber gibt keinen Unterricht. Er wohnt mit seiner Frau und seinem Kind in einer schicken Villa leicht außerhalb der Stadt. Kung-Fu ist quasi sein Hobby und zwar sein einziges wie es scheint, denn er ist ein wahrer Meister des Wing Chun, einer alten chinesischen Kung-Fu Variante. Ip Man ist auch nicht schrullig. Er ist ein gebildeter Neureicher, der in der Stadt hohes Ansehen genießt. Woher der Reichtum der Familie kommt erfährt der Zuschauer nicht. Es ist allerdings klar, dass Ip Man in seinem Leben noch keiner Arbeit nachkommen musste. Woher hätte er sonst auch die Freizeit gehabt, um seine Kampftechnik dermaßen zu perfektionieren? Ip Man macht keinen Hehl aus seinem Status. Er lässt zwar nicht offenherzig den Dicken raushängen, aber angesprochen auf sein Kung-Fu Talent ist er immer nur allzu gern bereit, den Wissensdurstigen eine kleine Lektion mit kostenloser Kung-Fu Moral im One-Liner Format zu erteilen, verpackt in purster Höflichkeit. Dieser Ip Man stößt überall nur auf Gegenliebe für sein Können und seine aristokratische Art. Nur in der eigenen Familie nicht. Der Frau geht das ewige Gekloppe sichtlich auf den Keks, den Sohn schiebt der Papa für eine ordentliche Keilerei nur zu gern aus dem Weg.

BÄM! - Die etwas andere Art der Nackenmassage

Klingt komisch und ist auch so. Ip Man ist nicht der typische Dummbatz, der vom unscheinbaren Kung-Fu-Opa aus Langeweile innerhalb von 2 Wochen zur Kampfmaschine getrimmt wird. Ip Man kann auch so schon lange Kung-Fu. Und zwar sehr gut und das weiß er auch.

Zugegeben, das klingt zuerst mal nicht nach einem typischen Sympathieträger, aber Donnie Yen bringt die Einführungsszenen mit einer solchen erfrischenden Souveränität auf die Mattscheibe, dass man trotzdem in jedem Moment auf der Seite von Ip Man steht. Es verströmt schon eine großartige Coolness, wenn ein Kung-Fu Lehrer der Stadt in der Einleitungsszene des Films bei Ip Man um eine Audienz bittet. In Wahrheit will dieser nämlich einen Trainingskampf ausfechten, um herauszufinden, wie sich seine Technik gegen Ip Man's Wing Chun so schlägt. Leider sitzt die Familie allerdings gerade beim Abendessen, weshalb es leider nicht zu einem Kampf kommen kann. Das stört allerdings keinen von beiden, weswegen Ip Man den Kampfgefährten ruckzuck einlädt, sich seiner Familie beim Essen anzuschließen. Sie schlagen sich also auf Kosten der Nerven von Ip Man's Frau die Bäuche voll, danach lassen sie sich noch mit Tee und Zigaretten bedienen, bis sie beiderseits beschließen: Okay! Ein Trainingskampf soll es sein. Störende Zeugen wie Frau und Kind werden schnurstracks herausbefördert und der Kampf beginnt. Während all dieser Szenen agiert Donnie Yen's Ip Man so höflich und zuvorkommend seinem Gast gegenüber, dass man sich wünschte, selbst mal für ein paar Kung-Fu-mäßige Demütigungen eingeladen zu werden. Denn selbstredend macht der Kung-Fu Meister aus der Stadt keinen Stich gegen Meister Ip. Ohne seinen Gast ernsthaft zu gefährden, zeigt er diesem mit wenig Aufwand ruckzuck die Grenzen auf.

Derartige Handkanten-Tänze gibt’s in jedem Kung-Fu Film? Schon richtig, aber nur selten so klasse choreographiert wie hier. Martial Arts Choreographie von Sammo Hung, sag ich da nur. Der kleine Dicke weiß immer noch, wie’s gemacht wird.

Staubwedel gegen Schwert - für Ip Man eine der leichtesten Übungen

Noch könnte man sagen, die Unterschiede zu den klassischen Eastern seien eher marginaler Natur. Niemand würde etwas anderes behaupten. Konkrete Diskrepanzen schlagen hauptsächlich in der zweiten Filmhälfte auf. Oder besser gesagt: Durch den Kontrast der zweiten Filmhälfte zur ersten. Ist die erste Hälfte noch ein unterhaltsam-lockerer Hongkong-Streifen, erlebt der Film danach einen herben Schnitt. In einem kurzen Texteinspieler wird nämlich darauf hingewiesen, dass China von den Japanern besetzt wurde. Foshan bildet da natürlich keine Ausnahme. Die Stadt wird von den Japanern eingenommen und Ip Man’s bisherige Residenz dient fortan dem örtlichen Japaner-Trupp als Einsatzbasis. An dieser Stelle hätten dem Zuschauer ein, zwei Erklärungen zum historischen Hintergrund dieser tatsächlichen Ereignisse sicherlich nicht geschadet, denn der Schnitt vom bunt-witzigen Kung-Fu zum nun folgenden, trist-grauen Kriegs-Szenario passiert etwas zu plötzlich. Dem chinesischen Publikum wird die eigene nationale Geschichte aber vermutlich geläufiger sein, so dass man darüber auch hinwegsehen kann.

Auf jeden Fall befindet sich das Land, oder besser die Region, mittlerweile unter japanischer Schirmherrschaft und die Bevölkerung – darunter auch Ip Man und seine Familie – werden von den Invasoren in Schach gehalten. Der Kung-Fu Meister lebt nun mit Frau und Sohn in einer notdürftigen Baracke und hat dort wie so viele mit Hunger und Krankheiten zu kämpfen. Sein Image als Saubermann haben die restlichen Bewohner allerdings nicht vergessen, weswegen Ip Man bei der Essensausgabe schon mal bevorzugt behandelt wird. Schlussendlich kommt aber auch er zur Erkenntnis: Ohne Arbeit geht es nicht, weswegen er sein Bewerbungsschreiben notgedrungen beim Kohlewerk abgibt, was mittlerweile von den Japanern geführt wird. Das Vorstellungsgespräch verläuft simpel: ein Mob halb verhungerter Chinesen winkt auf der Straße dem japanischen Laster zu, der als Zubringerdienst zum Kohlewerk fungiert, und die Soldaten auf der Ladefläche hieven dann die Unverschämtesten und Auffälligsten an Bord. Schon hat man den Job.

Die Arbeit selbst stellt sich dann aber nicht wirklich als Vergnügen heraus. Von morgens bis abends müssen die Chinesen echte Knochenarbeit verrichten. Allerdings bekommen sie dafür Reis als Bezahlung und ich denke mir ganz ehrlich: Besser als gar nichts. Reis ist nämlich an allen Ecken und Enden knapp, seit die Japaner die Kontrolle im Bezirk übernommen haben, da wird jede Möglichkeit gern genutzt, um an ein Säckchen Reis zu gelangen. Wie passend, dass der Befehlshaber der in Foshan stationierten Japaner ein großer Kampfkunst-Fan ist. Aus diesem Grund wird im Kohlewerk auch täglich rumgefragt, wer Lust hätte, sich mit den japanischen Karate-Kämpfern zu messen. Den Gewinnern winkt zur Belohnung nämlich ein extra Sack Reis. Klar, dass bei so einem Angebot der Nachschub an Prügelknaben nicht fehlt. Erstaunlich ist nur, dass die Chinesen wirklich die Möglichkeit haben, gegen die Japaner zu gewinnen! Und nicht nur das – wer ehrlich gewinnt bekommt tatsächlich den versprochenen Preis! Es kann aber auch natürlich nach hinten losgehen, wenn man sich als chinesischer Normalbürger dem japanischen General stellt, der – wie soll’s auch anders sein – zufällig ein ganz fantastischer Karate Tiger ist. Ein Schicksal, das zufällig dem einzigen Kumpel Ip Mans zuteil wird, den er im Kohlewerk hat. Etwas im Busch vermutend, meldet sich Ip Man also am nächsten Tag selbst für die Arena-Kämpfe, denn er will ja gern herausfinden, wo sein Freund abgeblieben ist, der am Vortag nicht wieder vom Prügelausflug zurückgekehrt war. Und wenn Ip Man mal Pech hat, dann aber richtig! Kaum erreicht er die Kampfarena, erlebt er auch schon mit, wie ein weiter ehemaliger Freund über den Jordan wandert.

Das hätten die Japaner besser mal bleiben lassen, denn selbstredend fordert Ip Man anschließend persönlich eine halbe Brigade von schwarz begurteten Karatekämpfern auf, sich ihm im Kampf zu stellen. Gleichzeitig, natürlich.

Vorher ...
 
Was dann folgt steht in meiner Liste von Lieblings-Filmprügeleien an erster Stelle, zusammen mit Geniestreichen wie dem Kampf von Jackie Chan gegen Benny "The Jet" Urquidez aus Powerman, der von Tony Jaa zelebrierten Knochenbrech-Orgie im Tom-Yum-Goong Finale und dem Kampf Kung-Fu-Kämpfer gegen Karate-Schule aus Bruce Lee's Fist Of Fury bzw. Jet Li's Remake Fist Of Legend. Donnie Yen zeigt, dass Kung-Fu auch anders geht, als der klassische spaßige Kampfkunst-Tanz, den man aus der ersten Hälfte des Films oder anderen typischen Genre-Kollegen gewohnt ist. In lupenreiner FSK-18 Manier zerlegt er im Handumdrehen die halbe Karate-Staffel - nicht nach dem Motto "Guck mal, ich bin besser als du", sondern eher á la "Guck mal, in welchem Winkel dein Arm absteht".

... nachher

Es versteht sich von selbst, dass der japanische General es nicht auf sich sitzen lassen kann, wenn seine Untergebenen so vorgeführt werden. Erstaunlicherweise tut er aber genau das doch! Ihn fasziniert vielmehr die überragende Technik von Ip Man's Kung-Fu. Neugierig, endlich einen gleichwertigen Gegner gefunden zu haben, organisiert er einen öffentlichen Zweikampf zwischen sich und Ip Man, durch den der Wille der chinesischen Bevölkerung endgültig gebrochen werden soll ...


Da der Film inhaltlich zum Teil als hanebüchener Propaganda-Film mit geschichtlichem und autobiographischem aber schlussendlich substanzlosem Hintergrund daherkommt, dürfte keinen überraschen, wie der Film endet. Außerdem ist der Film rein technisch gesehen Standardkost und schauspielerisch reißt sich keiner ein Bein aus - obwohl man Donnie Yens Coolness deutlich hervorheben muss. Allgemein gilt: Auch wenn Yen selbst kein Unbekannter in der asiatischen Actionfilm-Landschaft ist - der Cast des Films ist unverbraucht und hat offensichtlich Spaß bei der Sache. Das genügt für einen Film dieser Sparte auf ganzer Linie.
Womit Ip Man hingegen ganz eindeutig punktet sind die fantastischen Kampfeinlagen, bei denen alle Beteiligten eine klasse Arbeit geleistet haben. Es passiert nicht oft, dass man einen klassischen Kung-Fu Film zu Gesicht bekommt, der eine ganz eigene Darstellung und Choreographie von Kung-Fu zeigt. Man hat mehr als nur einmal das Gefühl, solche Bewegungsabläufe und Techniken noch nie gesehen zu haben. Auch die Struktur der Geschichte mit den beiden gegensätzlichen Filmhälften macht den Film zu einem bemerkenswerten Vertreter seines Genres und hält das Interesse beim Zuschauer hoch genug, damit er nicht nur die Minuten zur nächsten Prügelorgie zählt. Dabei kann sich der Film nur nicht entscheiden, was er schlussendlich sein möchte, denn für einen Spaß-Film ist er nicht lustig und für ein Kriegsdrama nicht dramatisch genug. Einen interessanten Aufhänger für die großartige Action bildet der inhaltliche Rahmen aber allemal.

Allen Freunden von Handkanten-Action kann ich den Film also nur wärmstens empfehlen. Wer mal wieder einen echt guten Kung-Fu Film alter Schule sehen will, sollte sich diesen Streifen nicht entgehen lassen!
Alle anderen, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit der chinesischen Besatzungsgeschichte oder sogar ein charakterbasiertes Biopic über Bruce Lees Lehrmeister suchen, sind hier dann doch an der falschen Adresse.

Persönliche Bewertung: 7 von 10 Backpfeifen

Donnerstag, 24. Januar 2013

Warrior – Family is worth fighting for



Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, weshalb es dieses Schmuckstück nicht schaffte, sein überschaubares Budget von 25 Millionen USD im Kino wieder einzuspielen. Genauso wenig kann ich nachvollziehen, dass der deutsche Kinogänger nicht einmal die Möglichkeit bekam, diesen Streifen im Kino zu bewundern. Stattdessen wurde Warrior als Direct-to-DVD Veröffentlichung auf den deutschen Markt geschleudert, als ob es sich hier um den vierten Ableger einer ausgelutschten Horror-B-Movie Reihe handeln würde. Nicht die allerbeste Werbung… und dementsprechend beschränkt ist auch der Bekanntheitsgrad des Filmes in Europa. Meine Bitte an den Leser lautet, sich von diesen Tatsachen zu lösen und dem Film eine Chance geben. Genau das habe ich getan und einen Blindkauf der BluRay gewagt. Mittlerweile habe ich den Film in einem Jahr dreimal gesehen und zähle ihn ohne Wenn und Aber zu meinen Lieblingsfilmen. Warum, will ich in den folgenden Zeilen erklären.


Warrior ist vordergründig ein (Kampf)sportfilm mit dem Thema Mixed Martial Arts (MMA). In dem Film von Regisseur Gavin O’Connor ruft ein reicher Promoter, dargestellt durch den Regisseur höchstpersönlich, zum Kampfsportevent SPARTA auf, bei dem die 16 besten MMA-Kämpfer der Welt im KO-Modus um ein Preisgeld von 5 Millionen USD („Winner takes it all“) kämpfen sollen. Bis hierhin könnte es sich auch um ein Remake von Jean-Claude Van Damme‘s Bloodsport handeln. Jedoch: Genauso wie der Mixed Martial Arts Trainer Frank Campana – gespielt von Frank Grillo – seine Kämpfer im Film auf unkonventionelle Weise trainiert, indem er Ihnen mit Beethoven-Musik Ruhe, Gelassenheit und Geduld zu vermitteln versucht, so ist auch die Umsetzung von Gavin O’Connor nicht das, was man vordergründig von einem Film dieser Art erwarten würde. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Film kommt um die handelsüblichen Standardmotive eines (Kampf)sportfilmes nicht herum. Ja, es gibt die Story vom völligen Aussenseiter, der (vielleicht?) das schier Unmögliche vollbringt. Ja, es gibt die handelsübliche Trainingsmontage à la Rocky I bis VI. Ja, es gipfelt alles in einem dramatischen Endkampf während der letzten Minuten des Films. Und auch die Frage, welche beiden Kämpfer sich in diesem Endkampf gegenüber stehen, ist spätestens nach wenigen Filmminuten bereits geklärt. Selbst der Klappentext der BluRay gibt diese Information bereits Preis.
  
Aber da gibt es eben auch mehr. Ein kleines Beispiel: Die Trainingsmontage ist mit einer rockigen Version von Beethoven’s „Ode to Joy“ unterlegt und allein deshalb schon irgendwie einzigartig. Es gibt auch nicht den einen klassischen Helden, mit dem das Publikum mitfiebert und der am Ende den brutalen und eindimensionalen Gegner – wie beispielsweise in jeglichen frühen Van Damme Filmen - besiegt. Auf der einen Seite gibt es Brendan Conlon (Joel Edgerton). Ein früherer durchschnittlicher MMA-Kämpfer, mittlerweile Physiklehrer, liebevoller Vater und Ehemann. Einzig die Angst vor der Pfändung des Hauses treibt ihn zurück in den Sport und nur ein glücklicher Umstand ermöglicht ihm die Teilnahme an SPARTA. Buchstäblich auf der anderen Seite steht dessen jüngerer Bruder Tommy Conlon (grandios: Tom Hardy), auf der Highschool ein begnadeter und ungeschlagener Ringer, mittlerweile ein desillusionierter Ex-Marine. Irgendwo dazwischen steht deren Vater Paddy Conlon (Nick Nolte), ein ehemaliger Säufer, der durch seine Alkoholsucht wohl hauptverantwortlich für die Zerrissenheit der Familie sein dürfte. Beide Söhne lassen ihn zu Beginn des Filmes spüren, dass das Band wohl unwiederbringlich zerrissen ist. Auch untereinander sind die Brüder tief zerstritten und speziell Tommy, der jüngere der beiden, kann seinem älteren Bruder, genauso wie seinem Vater, nicht verzeihen. Die Art und Weise wie Tom Hardy es fertig bringt, Tommy durch Gesten, Tonfall und Körperhaltung von seinem Bruder und seinem Vater zu isolieren, ist für mich eines der grossen Glanzlichter dieses Films. Zusammen mit seiner physischen Konstitution (Tom Hardy war sicherlich immer schon recht muskulös, aber seine Nacken-, Bauch und Rückenmuskeln in diesem Film sind schon sehr bemerkenswert und seine Statur erinnert bereits sehr stark an Bane in The Dark Knight Rises) ist dies im wahrsten Sinne des Wortes eine wuchtige Performance, die man so schnell nicht vergisst. Auch Nick Nolte muss man herausstreichen, der für seine Leistung sogar mit einer wohlverdienten Oscarnominierung als bester Nebendarsteller belohnt wurde.

Links: Tom Hardy zeigt, was er hat; Rechts: Nick Nolte als Paddy Conlon
All die Konflikte, die Vorwürfe und der Hass, welche sich in all den Jahren zwischen den beiden Brüdern (und auch ihrem Vater) aufgestaut haben und sich am Vorabend des Finales, bei ihrem ersten Treffen seit Jahren, in einem verbalen Streitgespräch manifestieren, entladen sich schliesslich in einem brutalen Kampf, bei dem der Zuschauer eigentlich keinen wirklichen Favoriten hat, sondern einfach hofft, dass die Protagonisten auf irgendeine Art und Weise wieder zusammenfinden. Und genau das ist letztlich die Stärke dieses Films und der Grund dafür, dass man ihn eben nicht nur als reinen Sportfilm bezeichnen darf. Denn dafür sorgt er sich viel zu sehr um seine Protagonisten und deren Beziehungen zueinander. SPARTA und der grosse Endkampf, all das ist letzten Endes nur das Ventil, mit dem Gavin O’Connor seinen Charakteren hilft, ihre Emotionen auszudrücken und zu entladen. So ist auch der Song „About Today“ von The National, welcher die letzten Szenen des Kampfes begleitet, sicher keine allzu intuitive Wahl um einen MMA-Kampf musikalisch zu untermalen, passt aber perfekt zur Beziehung der beiden Brüder und der emotionalen Entwicklung, die die beiden während des Filmes durchlaufen haben.
  
Wenn überhaupt, dann ist Warrior also mit Sportfilmen wie Rocky I, Million Dollar Baby oder The Fighter zu vergleichen, deren Drehbücher es den Charakteren ebenfalls erlaubten, Tiefe zu entwickeln. Rocky I erhielt 1977 übrigens drei Oscars, inklusive Bester Film und Beste Regie. Million Dollar Baby wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, allesamt in den Hauptkategorien (Film, Regie, Hauptdarstellerin, Nebendarsteller). The Fighter erhielt immerhin zwei Oscars für die Nebendarsteller Christian Bale und Melissa Leo. Warrior dagegen scheiterte bereits an einem Kinorelease in Deutschland. Für mich völlig unverständlich, weshalb ich jedem nur wärmstens empfehlen kann, für einmal einen Blindkauf zu wagen.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Unser Kinojahr 2012

Das Kinojahr 2012 ist Geschichte. Was waren die großen Highlights, was die großen Enttäuschungen? Welche Darsteller und Darstellerinnen haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen und welche Regisseure konnten mit ihrer Arbeit überzeugen? Diese und weitere Fragen wollen wir in unserem Rückblick zwar nicht allgemeingültig beantworten, aber zumindest diskutieren und versuchen, die Leser für unsere jeweilige Meinung zu gewinnen.

Starten wir doch für einmal nicht mit dem fertigen Film, sondern mit den Darstellern, die mit ihrer jeweiligen Performance einen großen Einfluss auf die Wirkung des Endproduktes haben. Hierbei drängen sich für mich zwei männliche Schauspieler auf, die einerseits 2012 in ihren jeweiligen Rollen mehr als überzeugten und die andererseits „gekommen sind, um zu bleiben“, wenn ich das mal so salopp formulieren darf. Joseph Gordon-Levitt verkörperte in 50/50, The Dark Knight Rises und Looper (unabhängig von der Qualität der jeweiligen Filme) gänzlich verschiedene Charaktere überzeugend und sympathisch und fügte seiner bisherigen Filmographie (unter anderem 10 Dinge, die ich an dir hasse, (500) Days of Summer, Inception) weitere großartige Performances hinzu. Michael Fassbender bewies im Independent-Drama Shame, dass er mit einem scheinbar unendlich großen Talent gesegnet ist und war als Android David aus meiner Sicht der einzige Lichtblick im ansonsten Totalreinfall Prometheus (dazu später mehr). Auf Seiten der Darstellerinnen ist Jennifer Lawrence nach Rollen in Winter’s Bone, Der Biber und X-Men: First Class mit ihrer Darstellung der Katniss Everdeen in Die Tribute von Panem endgültig in der ersten Liga angekommen. Der Schritt zum Superstar dürfte mit dem kommenden zweiten und dritten Teil gesichert sein, zumal sie für ihre aktuelle Rolle in Silver Linings Playbook bereits wieder mit Lob überschüttet wird. Aufmerksam machen möchte ich außerdem auf Chloë Grace Moretz, die 2012 in Hugo Cabret und Dark Shadows vorspielte, davor aber schon in Let me in und Kick-Ass überzeugte und zukünftig die Carrie im gleichnamigen Remake des Horror-Klassikers mimen wird. Auch hier scheint eine große Karriere vorprogrammiert.

Joseph Gordon-Levitt in 50/50, The Dark Knight Rises, und Looper (von links nach rechts)
Robbi, welche Namen kommen dir in den Sinn, wenn du an das Jahr 2012 zurück denkst?

Nun, zunächst Mal möchte ich ein paar der von Dir genannten Namen aufgreifen. Joseph-Gordon-Levitt schaffte es tatsächlich, für verschiedenste Genres gecastet zu werden und dabei auch neben Größen wie DiCaprio, Oldman und Willis nicht unter zu gehen. Aber ist sein Spiel wirklich schon facettenreich? Bleibt für mich abzuwarten. Michael Fassbender kommt wirklich gut an bei den Kritikern, mir fehlt bisher noch die Performance, die ihn für mich zu mehr als einen soliden Darsteller mit deutschem Gesicht macht. Allerdings habe ich Shame nicht gesehen. Jennifer Lawrence war wirklich gut in Silver Linings Playbook, an Ihre Performance in Der Biber kann ich mich leider kaum erinnern, aber wir werden sie in Zukunft sicher noch häufiger sehen.

Ich war ansonsten sehr begeistert von Alan Arkin, der ja schon lange zu einer festen Größe zählt, in Argo aber eine wirklich besondere Rolle hat. Ohne jetzt zu viel verraten zu wollen, hat er für mich die Figur des Filmproduzenten Lester Siegel so spannend gestaltet, dass ich nach dem Kinobesuch sofort wissen wollte, ob es ihn wirklich gab (da Argo ja auf wahren Begebenheiten beruht). Siegel ist allerdings erfunden, Arkin sagte aber, er nutzte Jack Warner (Gründer und einst treibende Kraft der Warner Bros. Studios) als Basis für seine Figur. Ich finde außerdem, dass Martin Freeman als Bilbo so ziemlich das Beste war, was Der Hobbit zu bieten hatte.

Alan Arkin und Ben Afflec in Argo
Bei den Damen gab es für mich auch keine wirkliche Offenbarung im Jahr 2012. Erwähnenswert ist aber Kara Hayward, die bisher nur in Moonrise Kingdom zu sehen war, für mich aber – genau wie Jared Gilman – super auf die zugedachte Rolle passte. Beide spielten immerhin neben Hollywood-Großkalibern wie Bill Murray, Bruce Willis, Edward Norton, Frances McDormand und Tilda Swinton. Hut ab.

Sicher müssten wir auch noch Daniel-Day Lewis erwähnen, der ja als Lincoln heiß für den Oscar gehandelt wird, allerdings habe ich den Streifen noch nicht gesehen (und mein Interesse hält sich in Grenzen).

Gab es für Dich denn irgendwelche Trends, die sich im Jahr 2012 manifestiert haben, oder neu aufgekommen sind? Für mich war es leider ein recht gesichtsloses Jahr. Viele der Sommerblockbuster wussten nicht richtig zu überzeugen (The Dark Knight Rises, The Avengers, Prometheus, Spiderman). Das Thema 3D hat seinen Durchbruch für meine Begriffe (mal wieder) verpasst. Ansonsten wiederholte sich vieles, was in den letzten Jahren bereits zu sehen war: Comicverfilmungen, Sequels, Reboots, und vollkommen unnötige Aufteilung von Geschichten auf mehrere Teile (siehe Harry Potter, Der Hobbit, Twilight). Man fragt sich mehr und mehr, wo die neuen Ideen bleiben, und warum wir die alten immer wieder konsumieren.

Ich gebe dir völlig Recht, die Tendenz mehr und mehr Adaptionen, Prequels, Sequels und Reboots zu produzieren, zeigt ein bisschen die allgemeine Ideenlosigkeit, in der Hollywood aktuell steckt.
Allerdings, und auch das hat uns das Kinojahr 2012 gezeigt, gibt es auch heute noch Regisseure (und es wird sie hoffentlich immer geben), die ihren eigenen Stil gefunden haben und die auch immer wieder versuchen, entweder neue Stoffe auf die Leinwand zu bringen oder bisher gesehenes in einer neuen Verpackung zu präsentieren. Die Liste dieser Filmemacher reicht von Namen wie Steve McQueen (Hunger, in 2012: Shame), Nicolas Winding Refn (Pusher Trilogie, Valhalla Rising, in 2012: Drive) und Michael Haneke (Funny Games, Das weiße Band, in 2012: Amour) bis zu Regisseuren wie Darren Aronofsky, Quentin Tarantino oder auch David Fincher. Dazu zähle ich auch Christopher Nolan, der sich mit innovativen Filmen wie Following und Memento einen Namen machte und anschließend mit Inception und der Dark Knight Trilogie bewies, dass man auch Blockbuster intelligent und anspruchsvoll verfilmen kann.

Somit bin ich an der richtigen Stelle angelangt, um für den in 2012 erschienenen The Dark Knight Rises eine Lanze zu brechen, der für mich die Trilogie zu einem würdigen Abschluss gebracht hat. Du schreibst, dass dich der Film nicht ganz überzeugen konnte. In Kritiken war teilweise auch weitaus Schlimmeres zu lesen. Die Tatsache, dass Nolan für einen Film dieser Güteklasse teilweise heftig kritisiert wurde, zeigt für mich, welchen Ruf er sich mittlerweile erarbeitet hat und was für Wunderdinge von ihm erwartet werden. Ich persönlich finde übrigens The Dark Knight Rises wie viele andere auch nicht ganz so beeindruckend wie den zweiten Teil, aber das dürfte eher daran liegen, dass The Dark Knight für mich einer der besten Filme der letzten 20 Jahre ist.

Um bei den Blockbustern zu bleiben, durchaus positiv habe ich auch The Avengers in Erinnerung. Weshalb? Nun, was konnte denn realistisch von dem Film erwartet werden? Emotionaler Tiefgang? Eine düstere Stimmung a la Batman? Mitnichten. Der Film nimmt sich selber nicht zu ernst und will ein kurzweiliger, witziger, unterhaltsamer und bombastischer Sommer-Blockbuster mit einer in sich stimmigen Geschichte sein und genau das ist er für mich auch.

Dies sind aber natürlich auch für mich nur zwei positive Beispiele aus einer mittlerweile großen  Masse an Blockbustern und ich muss dir grundsätzlich zustimmen, dass viele dieser sogenannten Blockbuster vieles vermissen lassen. Grund hierfür ist aus meiner Sicht, dass es mit Hilfe der mittlerweile extrem weit fortgeschrittenen Technik leider einfacher ist, bloße Schauwerte zu produzieren als eine gute Geschichte zu erzählen. In 2012 fallen mir da spontan Battleship, Zorn der Titanen und Prometheus ein. Speziell bei Prometheus war ich entsetzt, dass ein Regisseur wie Ridley Scott so wenig Wert auf die Geschichte und seine Charaktere legte und dass sich so viele Zuschauer durch die überragenden Special Effects blenden liessen. So viele Handlungsstränge laufen in diesem Film einfach ins Leere und die sogenannten „Wissenschaftler“ verhalten sich in 90% der Szenen in etwa so intelligent und schlüssig wie ein Haufen Vorschüler. Dementsprechend gehören diese drei Filme für mich auch zu den größten Enttäuschungen und schlechtesten Filmen 2012. Solange diese Art des Filmemachens jedoch (geldmäßig) funktioniert und gut drei Viertel der Kinogänger den Unterschied zwischen „Transformers-like“ Blockbustern und „Inception-like“ Blockbustern nicht erkennen, ist ein Umdenken leider auch nicht zu erwarten.


Beim Thema 3D gebe ich dir Recht, es hat für mich bis jetzt auch absolut seinen Durchbruch verpasst, weil einfach zu viele Filme in 3D produziert werden, bei denen es einerseits nicht gut ausgeführt ist und bei denen andererseits auch die Geschichte nicht wirklich davon profitiert. Dementsprechend gut finde ich beispielsweise die strikte Haltung von Christopher Nolan, seine Filme konsequent in gutem alten 2D zu drehen und stattdessen auf die hochentwickelten IMAX-Kameras zu vertrauen. Allerdings gibt es Filme, die gezeigt haben, wie es gehen könnte. Natürlich denke ich dort zu allererst an Avatar. Aber auch in 2012 gab es, wie ich finde, positive Beispiele. Martin Scorsese’s Hugo Cabret, der meiner Meinung nach als Kinderfilm völlig falsch vermarktet wurde, ist im Grunde nichts anderes als eine große Hommage an die Pionierzeit des Kinos und das Kino an sich. Dabei die Filme des Georges Méliès, einer der Begründer der sogenannten Special Effects, in eine herzergreifende Geschichte zu integrieren und diese dann in absolut perfekt gestaltetem 3D zu präsentieren, ist schlüssig und konsequent. Auch im Hobbit, wo 3D zum ersten Mal mit 48 Frames per Second gezeigt wurde, fand ich den Einsatz von 3D, nicht zuletzt wegen 48 fps, überzeugend.

Überhaupt finde ich, und da sind wir glaube ich beim großen „Streit-Thema“ des Jahres 2012 angekommen, die Verfilmung von Der Hobbit – Eine unerwartete Reise sehr, sehr gelungen. Unabhängig davon, dass auch ich es kritisch sehe, wenn aus einem recht dünnen Buch künstlich eine Trilogie gebastelt wird (da wird die Cash Cow eben ordentlich gemolken), hat mich der Film aus folgenden Gründen begeistert. Zum einen fand ich gerade den Einstieg im Auenland, der so oft als zu langatmig und zu ausführlich kritisiert wurde, perfekt. Diese erste Stunde, in der sich die Reisegruppe bei Bilbo Beutlin trifft und mit Bilbo (zunächst widerwillig) ihr 14. Mitglied findet, ist sehr nah am Buch gehalten und der Humor der Vorlage wird aus meiner Sicht einfach perfekt getroffen. Desweiteren fand ich auch jene Handlungsstränge, die im Vergleich zum Buch deutlich ausgebaut bzw. hinzugedichtet wurden, fast alle sehr gelungen. Insgesamt kann ich also die Generalkritik, dass der Film zu lang gewesen sei, nicht teilen. Ein letzer Aspekt, den ich zu dem Film erwähnen möchte, ist das aus meiner Sicht wieder phänomenale Casting. Weder für Bilbo (besetzt mit Martin Freeman), noch für den Zwerg Thorin (Richard Armitage) hätte man wohl einen besseren Schauspieler finden können. Insgesamt saß ich also von der ersten bis zur letzten Minute gebannt in meinem Kinosessel und war die komplette Zeit wieder in Mittelerde gefangen. Genau was ich mir von einer Hobbit-Verfilmung erhofft hatte.

Warum hat dies bei dir nicht so gut funktioniert Robbi?

Bevor ich auf Der Hobbit eingehe, möchte ich noch etwas mehr zum Thema 3D sagen. Natürlich kann man sagen, dass es ein tolles Erlebnis ist, einen Film wie Avatar in 3D auf einer Kinoleinwand zu sehen. Das führe ich aber in erster Linie darauf zurück, dass es für unsere Generation der erste abendfüllende Spielfilm ist, der diese Technologie gekonnt einsetzt. Die fantastische Welt, die man als Zuschauer zusammen mit dem Protagonisten erkundet, wirkt durch die Qualität des 3D-Effekts einfach…, ja, noch fantastischer.  Aber hat der Film (oder irgendein anderer) wirklich vom 3D profitiert, oder wurde der Effekt gar als Stilmittel oder narratives Element verwendet? Ich möchte das einfach mal mit der Einführung des Farbfernsehens vergleichen. Obwohl wir (sofern nicht farbenblind) das tägliche Leben „in Farbe“ genießen, waren die ersten Farbfernseher damals der absolute Knaller. Was aber wichtiger ist: Regisseure und Autoren erkannten, welches Potential Farben haben können, um beim Publikum bestimmte Reaktionen zu triggern, oder gar als subtiles narratives Element eingesetzt zu werden. So gibt es Filme, die ohne Farben schlicht nicht funktionieren würden. Ein naheliegendes Beispiel ist Pleasentville, der komplett in schwarz/weiß beginnt und in dem schrittweise Farben hinzugefügt wurden, während sich die Charaktere entwickeln. So entstanden, auch lange vor Pleasentville, unzählige Filterverfahren, um Stimmungen zu erzeugen, Farben wurden genutzt, um dem Zuschauer Indizien zu geben, die Story zu erzählen etc. Stell Dir The Blade Runner im Farbschema von Amélie vor. Auch das würde nicht funktionieren. Ist Dir ein Film bekannt, der ohne 3D gar nicht erst funktionieren würde? Wenn man bedenkt, wie lange es Stereoskopie bereits gibt, finde ich es ernüchternd zu sehen, dass Filmemacher über den allseits bekannten „in-your-face“ Effekt (im wahrsten Wortsinne) im Prinzip nicht hinaus gekommen sind. So gesehen ist von allen Filmen, die ich in 3D gesehen habe, Final Destination 4 derjenige, der am meisten „Nutzen“ aus der „neuen“ Technologie gezogen hat. Dort wurde quasi jede Todesszene „auf 3D optimiert“. Darauf könnte ich allerdings verzichten.

Womit wir beim Hobbit wären. Vorneweg: Ich fand den Film nicht miserabel. Unterhaltsame 169 Minuten, Mittelerde Feeling, toller Hauptdarsteller. Ähnlich wie Du fand ich den Start (speziell die Off-Erzählung des alten Bilbo zu Beginn, wie Smaug sich den Schatz krallt) sehr gelungen. Der Film erzählt für mich aber darüber hinaus keine in sich geschlossene Geschichte (und das sollte ein Film, auch, wenn er Teil einer Trilogie ist). In den letzten zwei Stunden passiert quasi fast nichts, was die Geschichte oder die Charaktere groß voranbringt. Stattdessen erlebt man eine wilde Kamerafahrt nach der anderen (ich hatte das Gefühl, um irgendwie den 3D Effekt zu rechtfertigen). Letztendlich hängt es natürlich immer von der Perspektive ab: Hab ich mich gut unterhalten? Ja. Hab ich mich zu Beginn an HdR erinnert gefühlt? Ja! Hat mich der komplette Mittelteil (Mischung aus Gore und Slapstick, gipfelnd im fetten Ork-König und der Flucht aus dem Berg) an Star Wars: Episode 1-3 erinnert? Ja! Gab es einen Schluss (abgesehen vom pathetischen Schulterschluss zwischen Bilbo und Thorin)? Nein. Würde ich etwas vermissen, wenn es Der Hobbit nicht geben würde? Nein.

Aber ich würde einiges vermissen, wenn es das Kinojahr 2012 nicht gegeben hätte. Denn für mich startete es mit absoluten Top-Filmen, wie The Artist, Drive, und Der Gott des Gemetzels. Auch, wenn dieses Niveau dann nicht gehalten werden konnte, waren für mich auch weitere Lichtblicke wie der von Dir bereits angesprochene und  toll diskutierte The Descendants  und Argo dabei, und trotz meiner Kritik bildete Der Hobbit irgendwie ein versöhnliches Jahresende. So schaue ich auch positiv auf das Kinojahr 2013.

In unserem Fazit kommen wir zum gleichen Schluss, nämlich dass das Kinojahr 2012 wunderbare Filme hervorgebracht hat. Über allen steht bei mir wohl Drive, dicht gefolgt von The Descendants und Shame. Aber auch sonst gab es noch viele andere Filme, die eine Erwähnung verdienen, von uns aber noch nicht gewürdigt wurden. Ich denke da beispielsweise an den wunderbaren Ziemlich beste Freunde, an Life of Pi, Take Shelter, My Week with Marilyn oder auch an Skyfall. Lass uns hoffen, dass 2013 dieses Niveau halten kann. Das wäre nicht das schlechteste, was uns passieren könnte.

Oli & Robbi