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Mittwoch, 24. Oktober 2012

The Descendants – Mehr als die Summe seiner Teile


Familie und andere Angelegenheiten. Der deutsche Untertitel zu Alexander Payne's Film The Descendants klingt so schnöde und langweilig, dass er mich fast von einem Kinobesuch abgehalten hätte. Zum Glück habe ich mich trotzdem getraut und im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich diesen Titel sogar durchaus passend finde, auch wenn er nicht besonders sexy klingt.
The Descendants gewährt dem Zuschauer einen Einblick in die vielleicht wichtigste Lebensphase einer hawaiianischen Familie und zeigt dabei viele Szenen, die für den Betrachter schwer zu ertragen sind. Jeder der Protagonisten hat sein Päckchen zu tragen, allen voran Hauptprotagonist Matt King. Es benötigt nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, warum dessen Familie vor der Selbstzerfleischung steht. Dass der Film den Zuschauer trotzdem nicht deprimiert, sondern im Gegenteil hoffnungsvoll zurück lässt, ist der scheinbar unerschöpflichen Bandbreite an Emotionen geschuldet, mit denen die Geschichte auf beeindruckend lebensbejahende Art und Weise präsentiert wird. Da ist George Clooney's selbstironische und vor allem uneitle Darstellung von Matt King, eines Mannes am Abgrund. Er portraitiert Momente tiefer Trauer, gefolgt von Szenen mit unterschwelligem, herzerwärmendem Humor. Auch gibt es Szenen, in denen der Zuschauer gar nicht weiss ob er weinen oder lachen soll. Clooney bringt es dabei mehr als einmal fertig, mit seinem Gesicht und seiner Körpersprache, Trauer, Verzweiflung oder Wut in ihrer reinsten Form darzustellen und den Zuschauer gleichzeitig zu amüsieren. Bei einem schlechteren Schauspieler hätte dieser amüsante Nebeneffekt ungewollt auftreten können, was das Todesurteil für einen Film dieser Art bedeutet hätte. Clooney hingegen sieht man in jeder Szene an, dass er und Alexander Payne genau diese ambivalente Wirkung auf den Zuschauer beabsichtigen. Wahrscheinlich muss man den Film gesehen haben, um zu begreifen, was ich damit meine, aber genau dazu soll dieser Text ja schliesslich animieren.
Etwas Leichtigkeit gewinnt der Film auch durch die Tatsache, dass Regisseur Alexander Payne dem Zuschauer ein ums andere Mal hawaiianische Traumkulissen präsentiert. Allerdings wird durch folgenden Monolog gleich zu Beginn des Filmes unmissverständlich klargestellt, dass den Zuschauer nur aufgrund des Standortes Hawaii kein anspruchsloser Film erwartet: "My friends on the mainland think just because I live in Hawaii, I live in paradise. Like a permanent vacation. We’re all just out here drinking maitais, shaking our hips, and catching waves. Are they nuts? How can they possibly think our families are less screwed up, our heart attacks and cancers less fatal, our grief less devastating? Hell, I haven’t been on a surfboard in fifteen years. For the last 23 days, I’ve been living in a “paradise” of IVs and urine bags and endotracheal tubes and six-month old US magazines. Paradise? Paradise can go fuck itself."
Der grösste Coup des Filmes, neben seinem Hauptdarsteller, ist aus meiner Sicht der aufgrund des ernsten Grundthemas zunächst völlig deplaziert wirkende, aber zum Standort passende Soundtrack. Alexander Payne entschied sich dazu, praktisch ausschliesslich auf hawaiianische Folklore-Lieder zu vertrauen. Hier haben wir somit ein Beispiel für einen Film, in dem der Score einen deutlichen Gegenpol zum Grundthema der Geschichte bildet. Beide, sowohl Film als auch Musik, profitieren davon extrem und fügen sich zu einem homogenen Ganzen zusammen, welches (zumindest für mich) mehr ist, als die Summe seiner Einzelteile. Der Film wird dadurch deutlich aufgewertet und einzigartig, da er durch die exotischen Klänge vieles von seiner Schwermütigkeit verliert, was die Grenzen zwischen Drama und Komödie weiter verwischt und die vielseitigen Darstellungen der Schauspieler unterstützt. Die Musik wiederum, die in einem neutraleren und seichteren Setting wahrscheinlich fröhlich und ein Stück weit belanglos geklungen hätte, wirkt aufgrund der Geschichte plötzlich melancholisch und kraftvoll. Die perfekte Begleitung auf der Reise eines Mannes und seiner Familie zu sich selbst und zueinander.
Hervorgehoben werden müssen drei weitere Darsteller. Shailene Woodley und Amara Miller spielen Matt King's Töchter Alexandra und Scottie überzeugend und tragen dazu bei, dass die ganze Situation immer glaubhaft wirkt. Nick Krause spielt Sid, den seltsamen Freund von Alexandra, der während seinen ersten Szenen nicht nur bei Matt King, sondern auch beim Zuschauer Stirnrunzeln auslöst und wie ein Fremdkörper wirkt. Doch auch hier gelingt es dem aus meiner Sicht zu Recht Oscar-prämierten adaptierten Drehbuch, der zunächst so eindimensional portraitierten Figur Leben einzuhauchen und verschiedene Facetten zu beleuchten, die seine spezielle Bedeutung für Alexandra motivieren.    
Sicherlich besteht kein Zweifel daran, dass The Descendants aufgrund Alexander Payne's mutiger, aber eben auch unkonventioneller Adaption nicht für jedermann geschaffen ist. Viele Leute hätten in ihrer eigenen Review vielleicht ganz ähnliche Aspekte angesprochen wie ich es getan habe, wären aber zu einem viel negativeren Fazit gelangt, da sich die Umsetzung in der Tat auf einem sehr schmalen Grat bewegt und an vielen Stellen Gefahr läuft, ins Lächerliche oder Unglaubwürdige abzurutschen. Da ist es nur natürlich, wenn diese Grenze für einige Leute schneller überschritten scheint als für andere. Ich finde jedoch, man sieht dem Film an allen Ecken und Enden an, dass sich alle Beteiligten der schwierigen Aufgabe bewusst waren. Der Film kann tief berühren, wenn der Zuschauer Zugang zu ihm findet. Ich für meinen Teil habe das geschafft und hoffe, mit diesem Text ein paar Leute von den vielen Vorzügen dieses einzigartigen Schmuckstücks überzeugt  zu haben.